„Meine Motivation ist ungebrochen!“

Dörte Kruppa überzeugt mit hoher Leidenschaft, wenn sie über ihr Projekt #WeAreAllUkrainians spricht. Seit Tag eins des russischen Angriffskrieges organisiert die Initiative Hilfe für das überfallene Land und seine Menschen, prominent unterstützt von Boxweltmeister Wladimir Klitschko.

Ngo-Dialog: Frau Kruppa, wie wird man Geschäftsführerin einer gemeinnützigen GmbH, die in der Ukrainehilfe tätig ist?

Dörte Kruppa: Ich glaube nicht, dass es da eine pauschale Wegbeschreibung gibt. Ich bin seit 22 Jahren selbständige Vermögensberaterin bei der DVAG und übe meinen Beruf mit großer Leidenschaft und Zufriedenheit aus. Über meine Freundin Tatjana Kiel, die beruflich schon lange an der Seite von Dr. Wladimir Klitschko arbeitet, hatte ich von Tag eins des russischen Angriffskrieges in der Ukraine plötzlich mehr als mediale Informationen über das Geschehen und das Leid in der Ukraine. Wir waren uns damals einig, dass wir ohne lange Vorplanung helfen und handeln wollten. Also haben wir mit einem sehr motivierten und engagierten Team von Freiwilligen die Initiative #WeAreAllUkrainians gegründet, die ihre Unterstützung direkt nach den von Wladimir Klitschko übermittelten Bedarfen in den Kriegsgebieten ausgerichtet hat. Es ging uns darum, schnell und effektiv möglichst vielen Menschen gleichzeitig zu helfen: Mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Medizin bis hin zu Care-Boxen für spezielle Bedürfnisse, zum Beispiel für Schwangere und Mütter mit kleinen Babys. Zur Optimierung der Hilfsleistungen haben wir Strukturen und Prozesse entwickelt. Im Mai haben wir die #WeAreAllUkrainians gemeinnützige GmbH gegründet, für die Tatjana Kiel und ich als Geschäftsführerinnen verantwortlich sind. Meine Motivation ist nach wie vor ungebrochen. Ich möchte helfen, handeln und für kriegsleidende Menschen etwas Gutes tun.

Was konnte #WeAreAllUkrainians bis heute bewirken?

In den ersten Monaten ging es vor allem um Sofortmaßnahmen. Wir haben dank Großspendern aus der deutschen Wirtschaft tausende Tonnen Hilfsgüter auf die Schienenbrücke der Deutschen Bahn gebracht. Mithilfe von Benefiz-Events haben wir Spendengelder generiert, zum Beispiel mit einem großen philharmonischen Konzert oder einem Benefiz-Fußballspiel, gemeinsam mit dem Deutschen Fußball-Bund und dem HSV, bei dem wir mehr als 250.000 Euro einsammeln konnten.

Inzwischen liegt der Fokus auch auf nachhaltigen Maßnahmen. Wir vermitteln Hilfsprojekte in der Ukraine für Spender, die gegebenenfalls längerfristig unterstützen möchten. Unsere Partner sind dabei NGOs in der Ukraine, deren Gemeinnützigkeit auch durch unseren Steuerberater überprüft wurde. Um hier nur ein Projekt zu erwähnen: Wir haben dank dm-drogerie mit einem Spendenvolumen von circa zwei Millionen Euro Warenwert bereits mehr als 15.000 Mutter-Baby-Pakete in die Ukraine versendet, weitere 15.000 Pakete sind in der Vorbereitung.

Aktuell sind wir in der finalen Planung eines Großprojektes, bei dem wir Kinder mit Notfallrucksäcken ausstatten werden, damit sie wieder eine Chance haben, zur Schule zu gehen. Sie werden lebensrettende Dinge wie eine Trillerpfeife, Notfallversorgung und Lichtmittel beinhalten. Die meisten Schulen in der Ukraine haben keine Bunker, und die Gefahr ist weiterhin groß. Die Spendenzusage für diese Rucksäcke liegt von einem Unterstützer vor. Ein weiteres Projekt ist ebenfalls intensiv in Planung: In den nächsten Wochen startet der Aufbau von zwölf Waisenhäusern in verschiedenen Orten der Ukraine.

Das alles muss auch organisiert werden. Wie machen Sie das?

Wir haben schon sehr früh fünf Task Forces gegründet, mit denen wir unsere Hilfsangebote besser steuern und kanalisieren können. Sie kümmern sich um die jeweiligen Schwerpunkthemen, zum Beispiel Partner für Warenspenden und Pakte, also die Anbahnung von Pakten zwischen europäischen und ukrainischen Städten und Gemeinden zur Etablierung von Wirtschaftsbeziehungen und für den Wiederaufbau. Sie organisieren Hilfsprojekte und Events, sorgen für Sichtbarkeit mit Öffentlichkeitsarbeit, kümmern sich um die Einnahme von Geldspenden oder entwickeln Lösungen für spezielle Bedarfe wie die Care-Boxen für Mütter oder auch Senioren.

Grundsätzlich basiert unsere Arbeit auf einem großen Netzwerk an Freiwilligen, der größte Teil aller Arbeiten erfolgt ehrenamtlich. Das Kernteam besteht aus etwa 15 Menschen, die aus den unterschiedlichsten Branchen und Fachgebieten kommen und ihre Expertise und Erfahrungen im Sinne der Sache einbringen. Ich bin sehr dankbar für jede Unterstützung und kann aus eigener Erfahrung bestätigen: Es macht Spaß zu helfen.

Wie läuft Ihr Fundraising?

Wir fokussieren uns auf Fundraising und Akquise von potenziellen Spendern auf zahlreichen Events. Unser Netzwerk wächst so stetig. Und natürlich hilft uns hierbei auch die Präsenz von Wladimir Klitschko, der aus Kiew heraus um Unterstützung für die Ukraine bittet.

Ab einer Spendensumme von 5.000 Euro vermitteln wir auch passende, konkrete Einzelprojekt wie beispielsweise den Wiederaufbau von Bildungsstätten, Waisenhausprojekte oder auch Trauma-Therapien, von denen leider viel zu viele benötigt werden. Wir bieten den Spendern absolute Transparenz. Ich kann nur betonen und wiederholen: Jeder Euro zählt. Wer uns unterstützen möchte, kann dies jederzeit über unser Spendenkonto tun.

Das braucht aber auch Aufmerksamkeit.

Wir wollen und werden laut bleiben, wollen im Sinne der Hilfsaktionen Aufmerksamkeit generieren. Das erreichen wir über unsere Social-Media-Kanäle auf Instagram (@WeAreAllUkrainians2022) und LinkedIn (@#WeAreAllUkrainians). Und glücklicherweise hilft auch eine so besondere Auszeichnung wie der jüngst verliehene Sonderpreis im Rahmen des Deutschen Gründerpreises enorm. Denn unterm Strich sorgt er dafür, dass wir und damit auch unsere Projekte und unsere Mission im Fokus der Menschen bleiben.

Aktuell stockt die Spendenbereitschaft für die Ukraine. Sie haben Kontakte dorthin. Wie viel Hilfe und was wird noch benötigt?

Das Leid und der Bedarf in der Ukraine sind nach wie vor sehr groß, auch wenn die dramatischen Bilder aus den Kriegsgebieten hierzulande medial natürlich nicht mehr so umfangreich ankommen wie zu Beginn der russischen Angriffe. Aufgrund unserer Unterstützung im Land selbst und der dortigen Kontakte erreichen uns schlimme Nachrichten und Bilder, die sehr konkrete Hilfsbedarfe nach sich ziehen. Es gibt Orte ohne Trinkwasser und Nahrung, Krankenhäuser ohne ausreichend Betten. Schulen werden von der russischen Armee als Unterkünfte genutzt und zerstört hinterlassen. Wir haben von einem NGO-Partner vor Ort gehört, dass er eine Warteliste aus Saporischja mit 16.000 Namen hat, die evakuiert werden wollen. Von dort hören wir auch immer wieder auch von Zwangsadoptionen.

Von Deutschland aus fällt es immer schwerer, die Lage rational einzuschätzen.

Unser regelmäßiger Austausch mit Wladimir Klitschko hilft uns zu entscheiden, was zu tun ist. Er hält uns über die Lage vor Ort auf dem Laufenden, ist informiert über unser Vorgehen und koordiniert Kontakte vor Ort. Er gibt dringend benötigte Hilfsgesuche durch. Das ist ein wichtiger, für uns aber auch immer wieder erschreckend deutlicher Austausch mit Schilderungen, die im Gedächtnis haften bleiben. Und dann gehen wir das Thema gezielt an. Was können wir tun? Was wird dort schnellstmöglich benötigt? Man darf ja auch nicht vergessen, dass noch eine weitere Gefahr droht, die langsam im Anmarsch ist: der Winter und die damit verbundenen Temperaturen und zusätzlichen Hindernisse.

Würden Sie sich mehr Unterstützung von den Organisationen wünschen, die viel Geld für die Ukraine-Hilfe eingenommen haben?

Wir möchten sehr gern bei der Suche nach Projekten in der Ukraine unterstützen und auch mit unserem Wissen zur Verfügung stehen. Wir haben uns vor Ort ein exzellentes Netzwerk aufgebaut. Die notwendige Transparenz und Dokumentation können von uns übernommen werden.

Wir sind selbst nahezu jeden Tag irgendwo unterwegs, um Gelder, um Spenden, um Unterstützung einzuwerben. Auf uns sind auch schon mehrere andere Organisationen zugekommen, die ihre eingenommenen Spendengelder dann über uns in Projekte und Aktivitäten gelenkt haben. Das freut mich. Wir stehen diesbezüglich immer für Gespräche oder mögliche Kooperationen bereit. Unsere Kontakte vor Ort und auch die hierher geflüchteten Ukrainer und Ukrainerinnen bestätigen uns immer wieder: Leid und Elend verstärken sich zusehends. Das macht leider auch sehr viel mit den Menschen vor Ort. Mit Kindern, Erwachsenen und Alten. Wir möchten mehr unterstützen als wir können.

Was würden Sie sich für die Menschen in der Ukraine wünschen?

Frieden, Freiheit, Demokratie. Die Rückgewinnung der unbeschwerten Lebensfreude im Alltag und die damit verbundene schnelle Verarbeitung eines unsagbar schrecklichen Traumas. Ich glaube fest daran, dass die Ukrainer ihr Land dank ihres extrem starken Willens rasch wieder aufbauen werden.

Bildquellen

  • Dörte Kruppa: privat

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