„Wir betreiben globale Sozialhilfe!“

Friedbert Ottacher arbeitet als Berater, Trainer und Autor zur Entwicklungszusammenarbeit in Wien. Er verfügt über 20 Jahre Praxiserfahrung als internationaler Programmkoordinator. Mit dem ngo-dialog sprach er über die Zukunft des Spendens für die Entwicklungszusammenarbeit.

NGO-Dialog: Was verbindet Sie mit dem Thema Entwicklungszusammenarbeit?

Friedbert Ottacher: Mein ganzes berufliches Leben. Ich war schon 20 Jahre für österreichische Hilfewerke in unterschiedlichen Regionen Asiens und Afrikas tätig. Über die Jahre habe ich mich dann auch mit den Hintergründen der Entwicklungszusammenarbeit (EZA) auseinandergesetzt. Ein Ergebnis ist das Buch „Entwicklungszusammenarbeit im Umbruch“.

Warum ist die EZA im Umbruch?

Die EZA ist voller Widersprüche. Am Anfang steht natürlich die Frage, warum man sie braucht und was meine Eigenmotivation für das Thema ist. Da stelle ich zwei Motive fest. Erstens den Altruismus. Der treibt viele an, die sich zivilgesellschaftlich engagieren, also die NGOs. Dann gibt es den Eigennutz, was die Triebfeder der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit darstellt. Die ist geprägt von Zielen wie Migrationseindämmung, Terrorbekämpfung, Exportförderung und politische Interessen. In den 70 Jahren hat sich die Entwicklungshilfe, wie sie damals noch hieß, auch sehr verändert. Es gibt heute viel mehr Professionalisierung, Wirkungsmessung, Qualitätsstandards und Transparenz. Viele Kritikpunkte treffen also heute gar nicht mehr zu, werden aber noch immer angebracht. Dessen muss man sich bewusst sein.

Von Spenden für Afrika hören wir seit vielen Jahrzehnten. Doch die Veränderung ist schleppend. Mittlerweile gibt es Forderungen, Spenden sogar einzustellen. Wie sehen Sie das?

Da muss man wissen, dass die EZA zwar ein prominentes Thema ist, aber mit den Summen, die man zur Verfügung hat, kann man Afrika nicht entwickeln. Das sind nur 150 Milliarden Euro im Jahr. Das ist vergleichbar mit dem Bruttoinlandsprodukt von Berlin. Für ein globales Problem viel zu wenig. Das heißt: Die internationale Entwicklungszusammenarbeit scheitert an ihren Ansprüchen. Die Wirkung durch Spenden und zivilgesellschaftliches Engagement ist da eher kleinräumig. Aber was mich motiviert, ist, dass ich sehe, dass im Kleinen etwas passiert und positiv verändert wird. Es werden beispielsweise Schulen und Krankenhäuser errichtet. Deshalb haben Spenden natürlich eine Berechtigung. Aber der Anspruch sollte kleiner sein. Je spezialisierter eine NGO aufgestellt ist, umso mehr kann sie ja auch bewirken.

Was muss sich ändern?

Ich denke, die Entwicklungszusammenarbeit bei uns in Europa muss politischer werden. Also mehr Kampagnen, mehr Advocacy-, Lobby- und Medienarbeit. Auch Fundraising! In den Projektländern dagegen muss die Arbeit viel stärker in die Verantwortung der Menschen vor Ort gelegt werden. Die Zentralen hier sollten die Arbeit weniger bestimmen. Ich bin ja gerade Programmkoordinator für Äthiopien und Uganda für „HORIZONT3000“. Ich denke in zehn Jahren braucht es keinen solchen Aufpasser mehr, der hier sitzt und Projektbudgets durchforstet. Davon muss man sich lösen, glaube ich.

Da schwingt ja dann auch der Vorwurf des Postkolonialismus mit, weil man vorschreibt wie die Toilette in Afrika auszusehen hat. Woher kommt der?

Seit den 90er Jahren kommt der vor allem aus der Wissenschaft unter dem Stichwort Post-Development. Da wird die Entwicklungszusammenarbeit komplett in Frage gestellt. Weil sie einerseits das falsche Entwicklungsmodell predigt, also das Westliche, das Nachholende, Modernisierende. Und weil sie auf Strukturen aufbaut, die von der Kolonialisierung kommen. Das ist also durchaus berechtigt. Denn wer macht Karriere in dem Bereich? Vornehmlich weiße Männer! Und wer verdient besser? Das sind immer noch die Leute, die hier in den Zentralen sitzen oder die westlichen „Expatriates“ vor Ort, deren Gehälter von denen der lokalen Angestellten nach wie vor komplett entkoppelt sind. Auch Fragen des Arbeitsstils und der Kultur stellen sich. Seit „Black Live Matters“ hat sich die Kritik enorm verstärkt und kommt nun auch deutlicher aus dem Süden. Damit setzen sich die NGOs gerade stark auseinander. Action Aid oder Oxfam haben ihre Zentralen bereits nach Johannesburg und Nairobi verlegt, um sich davon abzusetzen. Die, welche das verschlafen, werden einen hohen Preis zahlen.

Menschen in Europa sind immer schwieriger zu motivieren, für EZA zu spenden. Sehen Sie Ansätze wie man das ändern könnte?

Ich glaube, es ist eine Generationenfrage. Die ältere Bevölkerung ist noch für traditionelle Konzepte wie Solidarität und aktive Hilfe zu begeistern. Aber dieser White Saviorism wird vor Ort mittlerweile sehr kritisch gesehen. Bei Spenderinnen und Spendern verfängt das immer noch, weil es emotional ist. Jüngere dagegen sind über Kampagnen, wo man sich zeitlich befristet engagiert, eher zu erreichen. Diese lange Verbundenheit zu einer Organisation und die regelmäßige Spende, das wird eher abnehmen. Der Bedeutungsverlust der Entwicklungszusammenarbeit ist aber nicht nur dort ersichtlich.

Wo noch?

Zum Beispiel, wie mit Entwicklungshelfern, heute heißen sie ja Technical Advisors, umgegangen wird. Es wird beispielsweise immer schwieriger, eine Arbeitserlaubniss zu bekommen. Die Länder fragen auch, wieso keine Lohnsteuer gezahlt wird. Es entsteht ein neues Selbstbewusstsein. Es gibt natürlich auch viele lokal gut ausgebildete Leute mit internationalen Abschlüssen, die solche Jobs vor Ort besetzen können.

Auch die Ziele werden in Frage gestellt. Für die Staatenlenker dort ist beispielsweise Migrationseindämmung kein Ziel. Denn die Migranten, die in Europa arbeiten, schicken Geld zurück und kurbeln so den Konsum und das Steueraufkommen in ihren Heimatländern an. Deshalb weigern sich auch viele afrikanische Länder, die EU-Programme zur Grenzsicherung umzusetzen.

Sie plädieren dafür, den Begriff Entwicklungszusammenarbeit ganz abzuschaffen. Warum?

Er ist nicht mehr zeitgemäß. Wer definiert denn die Entwicklung eines Landes. Wir im Westen oder der globale Süden selbst? Da haben wir schon im Namen ein Gefälle von Nord nach Süd. Ehrlicherweise sprechen wir ja heute sowieso immer noch von Entwicklungshilfe, obwohl wir den Begriff schon vor längerer Zeit durch Entwicklungszusammenarbeit ersetzt haben. Eigentlich spricht man heute von internationaler Zusammenarbeit.

Es gibt einige Projekte, die beweisen, dass Social Investments, in denen die Menschen vor Ort selbst die Verantwortung übernehmen und Geld nachhaltig erwirtschaften, besser funktionieren, als ständig Spenden nachzuschießen. Ist Fördern und Fordern besser als EZA?

Man muss das differenzieren. Was Hilfswerke und NGO heute tun, ist ehrlicherweise globale Sozialhilfe. Wir erledigen viele Staatsaufgaben in Bereichen wie Gesundheit, Soziales, Frauenarbeit, Unterstützung von Minderheiten. Denn wenn wir das nicht machen, wird es nicht gemacht. Die staatlichen Geber, besonders in Deutschland, propagieren ja stark die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Da gibt es aber auch nicht nur positive Erfahrungen. Ich denke, die Wirtschaft sollte das Business machen und nicht die NGOs. Wenn man Staatsaufgaben langfristig übernimmt, ist das aber auch nicht gut. Es braucht Ausstiegsszenarien, wo man die Verantwortung an den Staat übergibt. Es gab da schon Fortschritte bei Schulen und Krankenhäusern.

Am 15. Juni bieten Sie ein Online-Tages-Seminar an der Fundraising-Akademie an. Was wird Thema sein und wer sollte sich dafür interessieren?

Das Seminar wendet sich an Fundraiserinnen und Fundraiser und Menschen, die Öffentlichkeitsarbeit machen. Wir wollen über Projektzugänge sprechen von Charity und Almosen hin zu Hilfe zur Selbsthilfe und zum Empowerment. Gesprochen werden soll auch über die Verortung der eigenen Organisation und wie sich das ins Fundraising übersetzen lässt. Thema ist auch, wie man auf Kritik an der Arbeit der Hilfswerke reagieren kann. Wir sammeln Kritik und tauschen uns aus. Es ist eine Kommunikationsübung.

Was sind die aktuellen Top 3 der Kritikpunkte?

Die Klassiker sind: Es bewirkt nichts, wir haben selbst genug arme Menschen und wir fördern dadurch die Korruption. Diese Argumente versuchen wir zu analysieren. Ist das überhaupt noch zutreffend und wie kann man darauf reagieren. Ich freue mich auf einen angeregten Austausch mit den deutschen Kolleginnen und Kollegen.

Bildquellen

  • Friedbert Ottacher: Photograefin

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