„Gutes Ehrenamt braucht gutes Hauptamt“

Ellen Herzog leitet den Bereich Unternehmenskooperationen und Spendenservice der ArbeiterKind.de gGmbH. Das hätte sie sich als Kind nie vorstellen können, sagt sie uns im Interview. Heute engagiert sie sich für mehr Bildungsgerechtigkeit und kooperiert mit Unternehmen auf Augenhöhe.

Ngo-Dialog:  Was steckt hinter ArbeiterKind.de und warum braucht es das heute noch?

Ellen Herzog: Ja, das braucht es heute leider noch! ArbeiterKind.de wurde von Katja Urbatsch vor 14 Jahren gegründet. Wir sind eine gemeinnützige, spendenfinanzierte Organisation, die für alle da ist, die als Erste in der Familie studieren, also aus nichtakademischen Elternhäusern kommen. Unsere Erfahrungen, aber auch die Statistik zeigt, dass die soziale Herkunft auf Bildungs- und auch Berufswegentscheidungen junger Menschen einen großen Einfluss hat. Zum Beispiel werden akademische Berufswege an Haupt- und Realschulen viel zu wenig vorgestellt. ArbeiterKind.de geht ab der 9. Klasse in alle Schulformen. Wir wollen, dass alle Schüler*innen das Wissen bekommen, um eine gleich gut informierte Entscheidung über ihre Zukunft zu treffen.

Was entgegnen Sie dann Menschen, die sagen: Wir brauchen auch Handwerker*innen?

Das stimmt! Da lohnt es sich genauso zu investieren. Denn auch dort sind die Probleme, warum sich Menschen nicht dafür entscheiden, vielfältig. Das ist aber eine andere Diskussion. Wir hören auch immer wieder, dass Kinder aus Akademiker*innen-Haushalten sogar studieren müssen. Vielleicht würden diese Kinder auch lieber eine Handwerksausbildung machen? Aber wie gesagt, eine andere Diskussion, denn wir sind gegründet worden, um Jugendlichen die Chance zu geben ihre Perspektive zu ändern und andere Wege einzuschlagen als ihre Eltern.

Sind Sie selbst auch ein Arbeiterkind?

Ja, mein Vater ist Handwerker und hat sich in über 16 Jahren Abendschule beruflich weitergebildet; der höchste Schulabschluss in meinem Elternhaus ist die Hauptschule. Ich wusste also immer, Lernen lohnt sich. Ich hatte niemanden, den ich zu einem akademischen Bildungsweg hätte fragen können, der mir sagt, wie man das finanziert, wie man wohnt und wie das Studium überhaupt funktioniert. Auch dass ein Weg nicht gerade sein muss, dass man auch erst mal eine Ausbildung machen kann, arbeiten und sogar Kinder bekommen, bevor man sich für die Uni entscheidet. Mir fehlten das Netzwerk und Vorbilder.

Heute fahren Sie zu Konferenzen nach Japan und sind in verantwortlicher Position bei der Non-Profit-Organisation. Konnten Sie sich das als Schülerin vorstellen?

Nein, nein! Ich wusste immer, dass ich studieren will, ging aber „nur“ auf eine Realschule. Meine Eltern sagten nämlich zu mir: ‘Falls Du mal etwas nicht schaffst, können wir Dir auf dem Gymnasium nicht helfen und zum Beispiel keine Nachhilfe finanzieren.’ Ich hatte aber keine Ahnung, was ich studieren will. Das habe ich erst im Freiwilligen Sozialen Jahr verstanden, wo ich Menschen mit akademischen Berufen getroffen habe. Denn als Arbeiterkind kennt man meist nur Lehrer*innen und Ärzt*innen. Das war‘s.

Was ist die Herausforderung für Kinder, die als Erste in ihrer Familie studieren?

Es fehlen Rollenvorbilder und Informationen darüber, wie man ein Studium finanzieren kann. Außerdem erwirbt man einen akademischen Abschluss, hat damit aber noch keinen definierten Beruf. Das Studium führt in ein akademisches Feld und sich da als Erste in der Familie zu orientieren, ist nicht so einfach. Ich habe Geisteswissenschaften und Organisationsentwicklung studiert. Die Möglichkeiten, was ich damit machen kann, waren also vielfältig. Das ist nicht wie im Handwerk, als gelernte Schreinerin ist man Schreinerin. Da ist der Weg klar. Wenn man studiert hat, ist das nicht zwangsläufig so. Auch da unterstützt ArbeiterKind.de mittlerweile mit einem Berufseinstiegsprogramm für Erstakademiker*innen. Denn der Abschluss allein reicht nicht, um zu wissen, wie der Berufseinstieg gestaltet werden kann. Ich hätte mir nicht träumen lassen, mal eine internationale Delegation für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) leiten zu können, die nach Japan fährt. Und ich bin sehr stolz darauf, dass ich diese Chancen heute habe.

Wie findet man das Selbstvertrauen, um das trotzdem zu packen?

Viele aus der ArbeiterKind.de-Community ziehen schon Selbstvertrauen daraus, den Abschluss als Erste in der Familie zu erlangen. Sie haben oft großes Durchhaltevermögen bewiesen und sich gegen Widerstände durchgesetzt. Sie verlassen ihre bekannte Welt und ihr Umfeld, lernen neu zu denken, Sachen kritisch zu hinterfragen und kommen natürlich auch an Grenzen. Wir stärken sie da. Denn allein der Weg ist schon ein Gewinn, und gerade weil man Erfahrungen aus beiden Welten hat, kann das zum Beispiel für ein Unternehmen sehr wertvoll sein.

Der Bundespräsident hat gerade eine Debatte zum Sozialen Pflichtjahr für Jugendliche angestoßen. Was ist Ihre Meinung dazu? Hilft das jungen Menschen?

An der Stelle kann ich nur als Privatperson antworten. Ich finde das großartig, weil es den Druck wegnimmt, das individuell entscheiden zu müssen. Es ist ja für alle gleich! Junge Menschen haben die Sorge, dass sie Zeit verlieren, dass sie mit dem Beruf später starten können und sie durch ein Freiwilliges Soziales Jahr sogar Nachteile gegenüber andern haben, die das nicht machen. Für mich war klar: Ich möchte etwas zurückgeben und mich sozial engagieren. Meine Motivation reichte also für die Entscheidung aus. Das Pflichtjahr könnte die Möglichkeit geben, sich weiterzuentwickeln und dann eine gute Entscheidung für Beruf und Karriere zu treffen, eventuell auch eine neue Perspektive auf die Gesellschaft zu bekommen. Das fällt, glaube ich leichter, wenn das jede*r macht. Wichtig ist mir an der Stelle, dass darauf geachtet wird, dass alle sich das Freiwillige Jahr auch leisten können. Also der finanzielle Aspekt hier mitgedacht wird und nicht Akademiker*innenkinder die „guten, interessanten“ Stellen in zum Beispiel München annehmen können, weil die Kosten dafür vom Elternhaus abgedeckt werden. Da auf Chancengleichheit zu achten, finde ich sehr wichtig und unabdingbar!

Über 80.000 Jugendliche leisten schon einen Freiwilligendienst, und bei den Wohlfahrtverbänden ist die Angst da, dass sehr viele unmotivierte Menschen bei ihnen ankommen. Wie sehen Sie das?

Gerade in nichtakademischen Elternhäusern herrscht eher wenig Ehrenamtserfahrung. Ich fände es gut, wenn sich etwas mehr Verständnis für das Ehrenamt an den Schulen und Universitäten entwickeln würde. Es ist gut, ein Thema kennenzulernen, bevor man in den Beruf einsteigt. ArbeiterKind.de geht in den Informationsveranstaltungen an Schulen darauf ein, wie vorteilhaft es ist, sich ein Ehrenamt zu suchen, weil das nicht nur für den Lebenslauf, sondern auch für die Persönlichkeitsentwicklung wichtig ist. Wenn dir niemand erzählt, wie das geht, wo man sich engagieren kann und so weiter, dann passiert es einfach nicht. Deshalb finde ich dieses „Jahr für Deutschland“ persönlich gut. Das schadet nicht!

Wie funktioniert denn das Fundraising für so ein schwieriges Thema?

Also, ich finde das ein ganz tolles Thema! Bildung ist ein Menschenrecht, und jede*r sollte unabhängig von der Herkunft alle Wege gehen können, zu denen man das Potential hat. Deutschland kann es sich nicht leisten, auf nur ein Talent zu verzichten. ArbeiterKind.de wird gefördert vom BMBF, von einzelnen Landesministerien, Stiftungen und Menschen, die uns mit Spenden unterstützen. Der Bereich Unternehmenskooperation ist noch recht neu und wurde von mir in den letzten vier Jahren aufgebaut. Wir wollten zum einen unabhängiger von befristeten Projektmitteln werden, zum anderen Menschen in Unternehmen für das Thema sensibilisieren und Veränderung von innen heraus anregen. Der Vorteil an diesen Firmenkooperationen ist, dass Unternehmen verstehen, dass Overhead etwas kostet. Dass man eine Pressestelle oder eine Fundraisingstelle braucht, ist da ganz normal. Denn das hält die Organisation am Laufen, und die Firmen sind da auch bereit, die Organisationen an der Stelle zu unterstützen.

Sie fragen also auch nach Spenden für Verwaltungskosten?

Ja, es gehört bei uns dazu, dass wir darüber mit Firmen sprechen. Gutes Ehrenamt braucht auch gutes Hauptamt und eine gute Organisation.

Wie viel Ehrenamt haben Sie?

Wir haben 15.000 Ehrenamtliche in unserem digitalen Netzwerk ArbeiterKind.de. Es gibt 80 lokale Gruppen, die vor Ort Kinder und Jugendliche unterstützen, dazu Bundeslandkoordinator*innen und etwa 6.000 aktive Ehrenamtliche in Deutschland, die in Schulen gehen, Infostände besetzen, Infoveranstaltungen machen und Mentoring durchführen.

Sie sind eine noch recht junge Organisation. Worauf sollte man von Anfang an beim Fundraising Wert legen?

Beziehungspflege ist das A und O. Erstens muss ich die Mission meiner Organisation kennen. Warum mache ich was? Das muss ich gut erklären können. Zweitens muss ich den Menschen, den ich treffe, gut mitnehmen und in die Mission der Organisation einbinden – also gut mit Informationen versorgen, an Weihnachten eine Karte schreiben und so weiter. Ich muss ihnen das Gefühl geben, dass sie genauso wie Ehrenamtliche Teil der Organisation sind. Das sind unsere Möglichmacher*innen und genauso wichtig. Zeit-, Wissens-und Geldspenden sind gleichermaßen wertvoll.

Sie sprechen beim Fundraisingtag München im September über digitale Unternehmenskooperationen. Was ist da Ihre aktuelle Erfahrung?

So schlimm, wie Corona auch ist, aber in dem Bereich der Unternehmenskooperation hat es viel möglich gemacht, weil wir alle, so auch die Unternehmen, in den digitalen Raum gewechselt sind. Wir alle waren in Zoom-Calls, haben an digitalen Konferenzen teilgenommen. Mein Fazit ist, dass man über digitale Plattformen Kontakte besser aufbauen und auch halten kann. Im virtuellen Raum kann man auch gut über Werte, Kampagnen und Charity-Aktionen sprechen.

Ist es einfach geworden Menschen zu erreichen?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben beispielsweise unsere Ehrenamtlichen, von denen sehr viele auch im Beruf stehen, gebeten, Botschafter*in von ArbeiterKind.de im eigenen Unternehmen zu werden. Das ergab viele Kontakte. Was uns momentan in die Karten spielt, ist aber auch, dass in die sogenannte Charta der Vielfalt die soziale Herkunft als neue Vielfaltskategorie aufgenommen wurde und Unternehmen, die sich mit Diversity und Inklusion beschäftigen, nun auch darauf aufmerksam werden. Denn das Thema war bisher neben Gender, Behinderung, Migration und sexueller Orientierung eher unsichtbar. Nun werden die Menschen dafür sensibilisiert. ArbeiterKind.de hat die Charta der Vielfalt natürlich unterschrieben, was ich nebenbei jedem Verein und jeder Stiftung empfehle, weil man dann auch Zugang zu Diskussionen, Mitstreiter*innen und Unternehmen bekommt, die sich damit befassen.

Wie sehen Sie den Vorwurf, dass sich Unternehmen damit eigentlich nur aus einem schlechten Gewissen heraus beschäftigen?

Louisa Dellert hat zu White- und Greenwashing auf LinkedIn einen guten Beitrag geschrieben. Aus ihrer Sicht geht es darum, dass Unternehmen überhaupt etwas tun. Selbst wenn Sie sich dann am Anfang nur halbherzig engagieren, so die Erfahrung entwickelt sich dies sehr häufig zu einem wahrhaftigen Engagement.

Das heißt aber doch auch, dass man den eigenen Anspruch an eine solche Kooperation am Anfang etwas bremsen muss, oder? Ich glaube, dass man erst mal in der eigenen Organisation eine Wertediskussion führen muss. Die eigenen Werte sollten klar sein. Da klären sich auch Fragen wie: Mit welchen Unternehmen will ich kooperieren, welche Unternehmenswerte sind mir wichtig? Dann fällt die Entscheidung leichter, und man geht auch besser in Gespräche. Wirtschaft ist auf jeden Fall nicht per se böse. Und in Unternehmen arbeiten engagierte Menschen. Ich finde, das ist ein gemeinsames Lernen beider Welten voneinander. Wenn ich etwas verändern will, gerade in unserem Bereich, muss ich das mit der Wirtschaft gemeinsam tun. Aus Unternehmensperspektive ist es auch wichtig, sich im CSR-Bereich einzubringen, weil Fachkräftemangel herrscht und sich Menschen sehr bewusst ihre Arbeitgeber*in aussuchen und damit  die Werte des Unternehmens zunehmend eine Rolle spielen.

Bildquellen

  • Ellen Herzog: Privat

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