„Frieden beginnt im Kleinen“

Der Krieg ist zurück in Europa. Wir sprachen mit der Pionierin für professionelle Friedensarbeit und Friedensaktivistin Cornelia Brinkmann von Steps for Peace über Konflikte, Lösungen, Ukraine und Afghanistan.

NGO-Dialog: Sie engagieren sich schon sehr lange in der Friedensarbeit. Wie sind Sie zu dem Thema gekommen?

Cornelia Brinkmann: Es ist für mich schon ein Thema seit frühester Jugend. Meine Eltern waren, wie man heute sagt: internal displaced people. Sie waren bei Kriegsende 19 und 20 Jahre alt. Mein Vater stammte aus Breslau, meine Mutter aus Dresden. Beide waren nach Westdeutschland geflohen und gingen später ins Ausland nach Japan. Als Jugendliche war ich mit den Folgen von Hiroshima und Nagasaki konfrontiert. Auch meine Eltern hatten Geschwister im Krieg verloren. Somit war es für mich Berufung, mich für Frieden einzusetzen. Als die Friedenbewegung erstarkte, war ich schnell ein Teil davon.

Was waren die Anfänge?

Das waren Aktionen gegen die Stationierung von atomaren Mittelstreckenraketen, während des Studiums in Göttingen. Ich engagierte mich in gewaltfreien Aktionsgruppen und studierte Erziehungswissenschaften. Auch da gab es interessante Konzepte, beispielsweise von Paulo Freire, der sagte „Pädagogik und Politik liegen eng beieinander“. So kam ich zur Friedenspädagogik. In den 80er Jahren gab es die Möglichkeiten im Westen, den Wehrdienst zu verweigern. Dafür mussten Zivildienstleistende eine Gewissensprüfung machen, und im Zivildienst gab es dann auch politische Bildungsarbeit. Die Kirche Kurhessen-Waldeck bot dafür Seminare zu zivilem Ungehorsam und sozialer Verteidigung an, und da war ich eine der ersten Referentinnen.

Was genau ist denn Friedensarbeit?

Frieden ist komplex und kompliziert. Es gibt sehr viel Anknüpfungspunkte, auch alltägliche, wie ein gutes Zusammenleben zu organisieren ist. Jeder Mensch muss im Rahmen seiner Möglichkeiten seinen Platz finden. Als ich anfing, gab es noch keine systematische Friedens- und Konfliktforschung und nur wenig Arbeitsplätze. Dieses Feld hat sich enorm professionalisiert. Erst in den 90er Jahren hat der damalige UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali die Agenda for Peace entwickelt und dort zum ersten Mal die Rolle der Zivilgesellschaft für den Frieden in einem internationalen Dokument beschrieben. Ich glaube, jeder Mensch kann zum Frieden beitragen, aber er wird sich angesichts der riesigen Aufgabe immer unzulänglich fühlen. Trotzdem beginnt Frieden schon im Kleinen.

Woran machen Sie die Professionalisierung fest?

Eine systematische Friedens- und Konfliktforschung gibt es erst seit circa 20 Jahren. Sie dient als Reflektionsrahmen für die professionelle Friedensarbeit. Es wurden neue Institutionen wie das Zentrum für internationale Friedenseinsätze gegründet. Und es gibt Bestrebungen Friedensthemen in existierende Programme zu integrieren. Zum Beispiel wurde der Zivile Friedensdienst als spezielles Programm der Entwicklungsdienste für die Arbeit in Krisenregionen eingeführt. Da hatte ich Gelegenheit als Vorstandmitglied mitzuwirken. Auch an dem ersten Förderkonzept für das Förderprogram zivik des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) von mehreren Millionen D-Mark für zivile Projekte in Krisenregionen habe ich gemeinsam mit dem ifa und dem Auswärtigen Amt mitgeschrieben. Die Geberseite hat sich also auch weiterentwickelt.

Ist Geld ein entscheidender Faktor um Friedenskräfte zu unterstützen?

Ich finde schon. Das steht auch für Professionalität. Bei militärischer Intervention fragt interessanterweise niemand, ob das ehrenamtlich geleistet werden kann. Das ist ein Beruf, das hat Abläufe, Prozesse und Regeln. Aber die zivile Friedensarbeit bleibt für die Öffentlichkeit immer noch nebulös, obwohl sie sich extrem professionalisiert hat. Es hat damit zu tun, dass es zu wenig Ressourcen für eine gute Öffentlichkeitsarbeit gibt. Nach dem Motto: ‘Tu Gutes, aber schweig darüber!’ Die Friedensfabrik von Steps for Peace will hier ein Kristallisationspunkt sein, wo Wissen, Praxis und Öffentlichkeitsarbeit zusammenkommen.

Ich war in Ihrer Ausstellung „Peace counts“, die Steps for Peace im Berliner Rathaus Schöneberg organisiert hatte. Dort stellte ich fest, dass Konfliktvermeidung in vielen Regionen der Welt täglich stattfindet. Hauptsächlich von Menschen, die sich zivilgesellschaftlich engagieren. Warum hört man so wenig davon?

Es geht vor allem darum, eskalierende Konflikte, die gewaltförmig werden können, zu vermeiden. Konflikte sind nämlich die Hefe des Zusammenlebens, sind Lebensessenz. Und Reibungen bringen uns durchaus voran, weil sie konstruktiv Prozesse auslösen können.

Frieden ist so selbstverständlich geworden, dass es kein attraktives Thema mehr ist. In den Medien wird eher das Spektakuläre wahrgenommen. „Kaffeetrinken für den Frieden“ hat da kaum eine Chance. Dabei liegt gerade im Gespräch die Basis für die Beilegung von Konflikten, für Toleranz und gegenseitigen Respekt. Oftmals verlangen Friedensgespräche Vertraulichkeit, zu viel Öffentlichkeit wäre manchmal kontraproduktiv. Die Peace Counts-Ausstellung ist da eine löbliche Ausnahme. Professionellen Medienschaffenden ist es gelungen, die wahren Heldinnen und Helden des Friedens und ihre Geschichten mit verständlichen Reportagen und tollen Bildern rüberzubringen.

Wie sehen Sie die Rolle der Medien in der aktuellen Berichterstattung zum Ukraine-Krieg der Russen?

Ich finde, die Medien nehmen keine glückliche Rolle ein. Offensichtlich leben Sie von der Verschärfung der Situation. Friedensarbeit versucht zu vermitteln und Lösungen zu finden. Viele Journalistinnen und Journalisten eskalieren aktuell die Debatten sehr stark. Und was die Situation in der Ukraine und in Russland angeht, darf man schon feststellen, dass es warnende Stimmen gab. Diese Stimmen sind aber nicht gehört worden. Man hat in der Eskalationsphase zu stark nur auf Wirtschaft, Diplomatie und Militär gesetzt. Die Arbeit der zivilgesellschaftlichen Friedensakteure blieb bei der Berichterstattung außen vor. Sie sind sogar jetzt in der Ukraine aktiv und machen Friedensarbeit. Doch eine Berichterstattung würde sie jetzt gefährden.

Sind Friedensstifter bedroht?

Ja, selbstverständlich. In einem solch eskalierten Konflikt wie in der Ukraine, aber auch in Russland oder Belarus ist die Gesellschaft sehr stark polarisiert. Eine vermittelnde Rolle wird da schnell als Spionage oder Kollaboration mit dem Feind aufgefasst. Das kann für Menschen, die in heißen Konflikten Frieden stiften wollen, lebensgefährlich werden.

Gibt es Grenzen der Gesprächsbereitschaft?

Beispielsweise in Afghanistan haben mir 2008 meine Partnerinnen und Partner vor Ort gesagt: ‘Wenn ihr mit den Taliban redet, und sie kommen an die Regierung, dann machen die uns hier einen Kopf kürzer.’ Genauso ist es gekommen. Es sollte also Grenzen bei gewaltbereiten Akteuren geben.

Die Bundesrepublik reagiert jetzt mit massiver Aufrüstung und Wirtschaftssanktionen und kürzt die Entwicklungszusammenarbeit. Die richtige Strategie?

Die Entwicklungszusammenarbeit hat in den letzten Jahren eine Wandlung durchgemacht. In den 90er Jahren und früher zog sie sich aus Krisenregionen schnell zurück, um ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen. Mittlerweile hat sie sich zu einem relevanten Akteur vor Ort in der Post-Konfliktphase entwickelt. Die Kürzungen sind deshalb der falsche Weg.

Interessant ist etwas anderes: Wenn man sich mit den Kolleginnen und Kollegen vom Militär unterhält, dann sagen die einem, dass sie in einem eskalierenden Konflikt nur 20 Prozent zur Befriedung leisten können. 80 Prozent werden durch zivile Maßnahmen erreicht. Angesicht des angekündigten Sondervermögens von 100 Milliarden für die Bundeswehr frage ich mich: Wo sind die 400 Milliarden für das gezielte zivile Engagement zum Beispiel in der Ukraine, Russland und Belarus? Stattdessen haben wir zugesehen, wie engagierte Menschenrechtsorganisationen wie Memorial oder kritische Medien in Russland geschlossen wurden. Da gab es in der Öffentlichkeit kaum solidarisierende Reaktionen. Auch in Hongkong oder in Afghanistan schauten wir zu, wie demokratische Strukturen ausgehebelt und die engagierte Zivilgesellschaft unterdrückt wird.

Muss sich die Förderpolitik ändern?

Ja, denn öffentlich geförderte Projekte müssen zu den Förderkriterien der Geber und der Bundeshaushaltsordnung passen. Zum Beispiel dürfen nur neue Projekte gefördert werden und diese in der Regel nur für ein Jahr bis maximal drei Jahre. Viele Organisationen biegen daher ihre friedensfördernden Projekte zurecht, um Geld zu erhalten. Friedensprozesse brauchen aber Zeit, Kontinuität und Beziehungsaufbau. Da kann man nicht nach drei Jahren sagen, so jetzt ist Frieden, nur weil es abrechenbar sein muss.

Was wäre, wenn Sie sich etwas von der Bunderegierung wünschen könnten?

Der erste Wunsch ist ganz klar eine ehrliche Analyse. Ich bin Pädagogin. Wir müssen aus Fehlern lernen, um unsere Programme weiter zu entwickeln. Mein zweiter Wunsch ist, dass zivilgesellschaftliche Akteure mit ihrem Potenzial, gerade in der Gewaltdeeskalation und Krisenprävention ernster genommen werden, damit sie im Kanon der staatlichen Instrumente wie Wirtschaftsförderung, Diplomatie und Militär einen starken eigenständigen Beitrag zur zivilen Friedensförderung und Krisentransformation leisten können.

Mein dritter Wunsch ist, dass die Bundesregierung Mittel bereitstellt, damit das zivile Friedensengagement in der Öffentlichkeit sichtbarer wird. Das Vorhaben von Steps for Peace, eine Friedensfabrik in Berlin als Forum für Information, Bildung und Begegnung um Konzepte, Programme, Akteure und Erfahrungen der zivilen Friedensförderung, Gewaltprävention und Krisentransformation sichtbar zu machen, braucht eine substanzielle Unterstützung. Wir freuen uns aber auch sehr über private Spenderinnen und Spender, die uns helfen diese ambitionierte Vision bereits jetzt zu realisieren.

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