„Soziale Investitionen sind nicht der Heilsbringer.“

Michael Alberg-Seberich ist einer der Geschäftsführer von Wider Sense und berät Unternehmen und Stiftungen zu ihrem gesellschaftlichen Engagement. Im Interview spricht er über eine unternehmerische Grundhaltung bei Investoren und was NGOs von Unternehmen 2023 erwarten können.

Ngo-Dialog: Was macht Wider Sense konkret?

Michael Alberg-Seberich: Wir entwickeln Strategien für gesellschaftliches Engagement. Dabei untersuchen wir Themen, was der soziale Investor zum Beispiel für alleinerziehende Mütter tun kann, und wie das dann auch als Förderstrategie zu dem Thema aussehen kann. Außerdem überlegen wir uns auch, wie man die Wirkung des Programms evaluieren und in die Nachhaltigkeitsberichterstattung des Unternehmens oder der Stiftung integrieren kann.

Wie kommt man zu so einem Beruf?

Ich bin eigentlich Ethnologe und habe im Dritten Sektor gearbeitet und anschließend bei der Bertelsmann-Stiftung. Da habe ich mich natürlich mit Philanthropie beschäftigt und fand das spannend. Ich bringe durch die Stiftungsarbeit auch die Erfahrung der institutionellen Geberseite mit.

Was sind soziale Investitionen?

Soziales Investieren bezieht sich auf eine Investition, die durch soziales Engagement motiviert ist. Das Investieren geht hier entlang eines Kontinuums von der Spende bis zu einer Unternehmensbeteiligung. Im Idealfall steht die soziale Wirkung im Vordergrund und nicht die Spendenquittung oder Rendite. Es geht darum, Dinge auf den Weg zu bringen und gesellschaftliche Veränderungen zu gestalten. Bekannt ist sicher der Bereich des Impact Investings.

Aber mit Investment verbindet man normalerweise Rendite.

Das ist richtig. Auch hier gibt es aber verschiedene Formen. Das reicht von einer Verzinsung bis dahin, dass ein Darlehen, das man mit einer Zinserwartung gab, zum Schluss in eine Großspende umgewandelt wird, weil der Investor von seinem Engagement und den damit erreichten Veränderungen so überzeugt ist. Es gibt aber natürlich auch Rendite-Erwartungen.

Wie gewinnt man Menschen, trotzdem dafür dort zu investieren?

Ich glaube, der Sinn des Projektes und die Transparenz sind enorm wichtig. Zu erkennen, in welchem Risiko-Bereich ich mich da bewege, ist sicher sehr hilfreich für Vertrauen. Das Investment ist auch eine weitere Form, wie ich mich engagieren kann. Ich sitze in einem Investment-Komitee von einem Impact-Investment-Fond, und da will ich schon genau wissen, was mich da erwartet. Das ist genauso, wie wenn ich in Privat Equity oder in Start-ups in der Startphase investiere. Da nehme ich ein anderes Risiko in Kauf, als wenn ich in den Fond meiner Sparkasse Geld anlege.

Zumal dafür ja auch eine Bank eine Einlagensicherung hat.

Ich denke da tut sich gerade auch etwas. Viele Banken haben diesen Bereich für sich entdeckt und können da auch durchaus eine andere Sicherheit bieten. Insbesondere die Förderbanken der Bundesländer sind da zu nennen. Die IBB Ventures aus Berlin hat gerade einen neuen Impact VC Fonds für Social Entrepreneurs mit einem Umfang von 30 Millionen Euro aufgelegt.

Die Grenzen beim sozialen investieren sind also recht fließend. Was unterscheidet denn dann Menschen, die lieber sozial investieren von Menschen, die spenden?

Ich glaube, dass diese Akteure eine unternehmerische Grundhaltung haben. Die können natürlich spenden, und das tun sie auch. Aber bei diesen Summen gibt es einfach unternehmerische Erwartungen. Die überlegen zum Beispiel, wie sie mit ihrem Geld anderes Geld hebeln können, oder wie kann ich eine solche unternehmerische Grundhaltung im sozialen Bereich aufrecht erhalten? Der Dachbegriff ist ja eigentlich auch nicht das soziale Investieren, sondern soziale Innovationen. Das verändert auch den Blick auf gemeinnützige Organisationen. Unicef International bietet beispielsweise mittlerweile Impact Investings an. Und ich hoffe, dieses Kapital wird dann auch eine noch positivere Auswirkung auf gesellschaftliche Herausforderungen haben.

Das Thema Impact Investment ist ja bei Stiftungen stark aufgekommen. Sollten Stiftungen lieber mehr investieren als fördern?

Die Magie liegt gerade in dem, was sie zusätzlich tun können. Nämlich ihr Stiftungsvermögen im Idealfall in Bereichen zu investieren, die Renditen bringen, aber auch das Thema der Stiftung verfolgen, und da sind soziale Innovationen passend. Ein Beispiel ist die Heron-Foundation, die es geschafft hat, die gläserne Wand zwischen denen, die Fördermittel vergeben und denen, die das Geld bereit stellen, einzureißen. Heute arbeiten alle zusammen, um den besten Weg zu finden, mit dem Geld der Stiftung Jugendarbeitslosigkeit in den USA zu minimieren. Das ist die Denke, die Investoren und Investorinnen haben müssen. Das Argument aus der juristischen Ecke oder von Aufsichtsbehörden, das sei riskant, stimmt ja bei der Empfehlung, 5-10 Prozent des Anlagevermögens in dieser Form zu investieren, so nicht. Da geht noch viel mehr.

Social Business heißt auch Strukturen, also Personal und Management. Investieren soziale Investoren hier mehr als Spenderinnen und Spender?

Man sollte davon ausgehen, dass der Blick von Investoren darauf gerichtet ist, dass es um eine stabile Organisation geht, die gute Arbeit leisten und wachsen kann. Da macht es dann eben mehr Sinn, in die Strukturen zu investieren, wie bessere Buchhaltung, Software oder Kommunikation, um Prozesse zu professionalisieren. Wir müssen von projektbezogenen Ausgaben wegkommen, hin zu freien Förderungen. In unserem Stiftungsnetzwerk „Vertrauen macht Wirkung“ sprechen wir genau darüber. Die Förderpraxis muss sich da verändern und die Geförderten sollten mehr entscheiden, wofür sie die Gelder einsetzen. Wir fordern deshalb auch mehr Transparenz im Stiftungssektor.

Warum tun sich Stiftungen so schwer in Menschen zu investieren und geben ihr Geld lieber für Reisekosten?

Das ist richtig. Die Frage, die in dem Zusammenhang immer wieder gestellt wird, ist: Was ist eine adäquate Overhead-Quote? Wir können da nicht immer vom schlimmsten Fall oder sogar Missbrauch von Spenden oder Fördergeldern ausgehen. Das tut dem Großteil des Sektors schwer unrecht. Dabei gibt es diese Quote natürlich gar nicht. Jede gemeinnützige Organisation ist anders. Wenn ich beispielsweise eine advokatische Organisation bin, dann gehört Kommunikation zu meinen Aufgaben und dafür brauche ich Menschen. Viele Spenderinnen und Spender, aber auch soziale Investoreninnen und Investoren haben da wirklich zu wenig Vertrauen in den Sektor.

Müsste es mehr Transparenz und Wirkungsnachweise geben?

Das kommt aus meiner Sicht noch hinzu. Im Stiftungssektor haben wir die Diskussion auch. Wichtig finde ich aber auch, darüber zu sprechen, was nicht funktioniert hat und was wir daraus lernen. Das zu diskutieren ist wichtig. Es gibt auch ökonomische Zwänge, denen man sich stellen muss. Aber es braucht einen offeneren Dialog und eine andere Kommunikation. Konsequenter Weise müsste ja das Ziel einer jeden gemeinnützigen Organisation sein, dass es sie am Ende nicht mehr braucht, weil das gesellschaftliche Problem gelöst ist. An solchen Zielen müsste man sich auch messen lassen.

Haben Sie ein Beispiel?

Wenn am 1.1.2023 das Bürgergeld kommt, dann müsste man sich die Frage stellen: Welche Unterstützungsmaßnahmen braucht es dann noch, oder jetzt erst recht? Wie stellt sich die Zivilgesellschaft dann neu auf, wenn sich die politischen Rahmenbedingungen so dramatisch ändern? Das gehört zur Ehrlichkeit auch dazu. Es ist ja auch ein Armutszeugnis, wenn sich in einer Kommune die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht mehr zu helfen wissen und die Leute zur Tafel schicken. Das kann in Deutschland nicht die Lösung sein.

Noch ein Beispiel: Was passiert eigentlich, wenn die Masern ausgerottet sind? Wo ziehen diese Ressourcen dann hin? Es gibt Organisationen, die sich nur damit beschäftigen. Lösen sich die Organisationen dann auf? Sollten wir unsere Auflösung dann nicht auch ordentlich feiern, weil die Veränderung geschafft ist? Momentan werden wir ja durch so viele Krisen gerüttelt, dass wir gar nicht merken, dass sich Dinge auch positiv verändern.

Veränderung ist mein Stichwort: Was müssen Organisationen tun, um für soziale Investitionen bereit zu sein?

Ich glaube, es ist wichtig, sich zu überlegen ob es wirklich nur die Spende gibt oder auch andere passendere Wege, um Geld zu mobilisieren. Da sehen wir ein hohes Maß an Kreativität. Aber es fehlt noch an Wissen und Kompetenz. Zum Schluss ist das eine Veränderung, die man wollen muss. Aktuell haben die Masse gemeinnütziger Organisationen in Deutschland noch nicht einmal Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter. Der sozialunternehmerische Bereich ist da schon weiter, aber auch große NGOs. Soziale Investitionen sind aber nicht der Heilsbringer. Es braucht realistische Erwartungen. Ich würde erst mal klein anfangen und das weiterentwickeln.

Was erwartet uns am 8. und 9. Dezember bei der Konferenz „Geld sucht Geist“ in Frankfurt am Main, wo Sie als Referent auftreten? Wo liegt da Ihr Beitrag?

Ich sehe meinen Beitrag darin, darüber zu sprechen, warum Menschen überhaupt geben und der weitere Aspekt, warum Unternehmen eigentlich geben und was die dazu motiviert. Das ist etwas, was ich mit meinem amerikanischen Kollegen Derrick Feldmann im Buch „Das Neue Corporate Social Mind“ ganz gut erschlossen habe.

Wie sehen Sie denn die Bereitschaft von Unternehmen, sich im Jahr 2023 weiter zu engagieren?

Vor dem Sommer waren Fundraiserinnen und Fundraiser noch entspannt. Heute merken einige bereits, dass es eine Zurückhaltung bei den Unternehmen gibt. Das Problem ist die Unsicherheit. Keiner kann das momentan richtig einschätzen. In unserer Arbeit erleben wir aber, das Unternehmen sich weiterhin die Frage stellen, was man tun kann und wo man sogar als Nothelfer unterwegs sein muss. Daneben stellen sich aber gerade börsennotierte Unternehmen die Frage: Welches gesellschaftliche Engagement will ich eigentlich haben? Die Antwort ist einfach: Möglichst nah am eigenen Unternehmen. Mein Lieblingsbeispiel ist Renault in Frankreich, die haben das Programm „Garage solidair“, wo 4.000 Renault-Händler alleinerziehenden Müttern das Auto kostenfrei reparieren. Das passt für alle. Gerade vor Ort. Hier muss man allerdings auch dazusagen, dass das Thema Armut in Frankreich in der Finanzkrise 2008 viel extremer war als in Deutschland. Gerade in Frankreich sehen wir sehr spannende unternehmerische Lösungen, wie Unternehmen auf Armut reagieren. Dort wird zum Beispiel ganz selbstverständlich mit staatlichen Behörden zusammengearbeitet, die den Zugang zu den Leistungen regeln und die Zivilgesellschaft, die das dann umsetzt. Es geht da aber auch um soziale Innovationen. Insofern ist der Tagungstitel „Geld sucht Geist“ schon richtig.

Bildquellen

  • Michael Alberg Seberich: Fraeulein Fotograf

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