Adieu Spende! Hello, Social Investment!

Claudia Gersdorf hat schon für viele NGOs gearbeitet. Den Grundstein dafür lieferte eine Demo im Alter von elf Jahren, erläutert die Pressesprecherin von Viva con Agua im Interview mit Matthias Daberstiel. Bei Non-Profit-Organisationen sieht die frischgebackene Gründerin & Chefin der Unternehmensberatung PolaR BEAR Positive Relations GmbH noch viel Reformbedarf – besonders in der Kommunikation.

NGO-Dialog: Als Kommunikations-Profi kann man überall arbeiten. Warum haben Sie sich für NGOs entschieden?

Claudia Gersdorf: Das fing schon mit elf Jahren an. Ich wollte eine Körperbehindertenschule retten, auf die ich viele Jahre gegangen bin und die mich gut für das Leben geschult hat. Die Pädagoginnen und Pädagogen dort machten mir nämlich klar, egal, welche Behinderung ich habe, ich kann mir viel antrainieren und die Spastik, die ich habe, bekämpfen. Dieses Kämpferische habe ich dann auch gleich bei meinem ersten Job bei „Ärzte ohne Grenzen“ angewandt.

Wie kam das?

Nach meinem Studium fuhr ich direkt nach Berlin und ging ins Büro von „Ärzte ohne Grenzen“ und fragte dort: ,Warum ladet ihr mich nicht mal ein, ich habe mich doch schon dreimal bei euch beworben? Ich weiß, dass ich das kann.’ Dieses Auftreten hat mir im Leben immer wieder Türen geöffnet. Auf dem Papier wären mir manche Dinge durch meine Körperbehinderung sicher verschlossen gewesen. „Ärzte ohne Grenzen“ wurde mein erster Arbeitgeber. Mit zwölf Jahren habe ich sogar gesagt: Ich werde UNO-Generalsekretärin. Das habe ich in meinem Studium der Politikwissenschaft aber verworfen, denn da habe ich gelernt, was die UNO eigentlich macht.

Und wie kamen Sie zum Thema Kommunikation?

Das kam während meiner Tätigkeit für Oxfam. Da habe ich berufsbegleitend Kommunikationsmanagement studiert. In den ersten beiden Berufsstationen ist mir auch klar geworden, dass ich als Pressesprecherin und Kommunikationsexpertin einen positiven Wandel bei NGOs erreichen will. Ich möchte neben dem Fundraising, das jede größere Organisation in der Kommunikation mit drin hat, auch eine Mind-Set-Änderung herbeiführen. Wir müssen bei den Menschen ein Umdenken bewirken. Hin zu mehr Hilfe zur Selbsthilfe und Respekt und Vertrauen in die Power der Menschen in den Ländern des globalen Südens.

Das ist sehr ambitioniert.

Das hat sicher etwas mit meiner Körperbehinderung zu tun, die ich seit meiner Geburt habe. Ich bin immer erzogen worden, dass ich aus meinem Makel viele Vorteile ziehen kann. Denn die Energie, die in mich investiert wird, ist auch eine positive Energie für die Menschenrechte, für die ich mich engagiere. Unmögliches gibt es da nicht.

Sozusagen ein Stück Extra-Mut. Keine Zweifel am Kurs?

Natürlich auch. Ich hinterfrage mich ständig: ,Schaffst Du das? Du zitterst aufgrund der Spastik und des Tremors.’ Das ist als Pressesprecherin natürlich nicht optimal. Aber Benny Adrion von Viva con Agua war der Erste, der zu mir sagte: „Mensch, natürlich wirst Du Pressesprecherin. Deine Behinderung interessiert mich nicht.“ Aber ich glaube, er hat auch gesehen, dass ich durch diesen Makel stärker bin als Andere.

Sollte man den Makel bei Menschen mit Behinderung dann einfach ignorieren?

Nein, das ist gar nicht notwendig. Raul Krauthausen von den Sozialhelden hat mal gesagt: ,Nothing about us without us!’ Also, ‘Nicht über uns ohne uns!’ Diese Maxime der Selbstbestimmung nutze ich auch auf meiner Arbeit. Ich bin die Expertin für Inklusion, weil ich sie täglich erlebe. Ich möchte also einfach nur gefragt werden. Man kann das ansprechen, und das wird auch von Menschen mit Behinderung positiv wahrgenommen. Interessanterweise ist diese Wahrnehmung auch wichtig in der Entwicklungszusammenarbeit.

Inwiefern?

Wenn ich in Uganda, Kenia oder Äthiopien an Wasserprojekten arbeite, habe ich es mit Expertinnen und Experten vor Ort zu tun. Menschen; die dort leben und sich auskennen. Wir fundraisen dann Mittel für Wasserversorgung, sanitäre Anlagen oder Bildung. Aber den Menschen dort möchte ich sagen: ,Es ist eine Investition in eure Struktur, in Perspektiven, sogar in Start-ups. Macht was draus!’ Es geht nicht um eine Spende. Das ist sehr altbacken und hat für mich immer diesen alten Touch von Almosen.

Achtung, Vorurteil: Sind die Menschen dort schon so weit?

Auf jeden Fall. Es gibt eine wahnsinnig starke Start-up-Kultur in Entwicklungsländern. Es geht hier auch um Vertrauen. Wenn meine Familie nicht das Vertrauen in mich gehabt und die Meinung der Ärzte ignoriert hätte, ich könne niemals selbstständig lebensfähig sein, wäre ich heute nicht dort, wo ich bin. Die Menschen dort machen Dinge anders als wir in Europa oder Amerika. Diese Geber-Nehmer-Kultur, die wir Weißnasen da etabliert haben, ist weit überholt. Ich empfinde es sogar als Anmaßung. Einige Expertinnen und Experten sprechen auch von einer postkolonialen Denkweise. Es geht hier nur um Kontrolle. Das ist falsch.

Wie sehen Sie die Zukunft des Spendens?

Mit meiner gerade gegründeten Corporate Responsibility Unternehmensberatung PolaR BEAR möchte ich bei den Spenderinnen und Spendern ein Umdenken bewirken. Gebt uns keine Spende, sondern Social Investments! Und das ‘social’ würde ich nur am Anfang drin lassen. Lasst uns diesen Spendenbegriff transformieren in ein neuheitliches System, denn ein Investment ist ein Vertrauensvorschuss! Da gehe ich als Geberin oder Geber ins Risiko für eine Idee, die ich fördern will. Damit verliere ich nicht mal die Berichtspflicht, also die Kontrolle, aber ich komme auf eine Augenhöhe mit den Nehmerinnen und Nehmern, indem ich sie und ihre Kompetenzen akzeptiere. Interessant ist hier auch eine Win-Win-Situation. Denn sobald ich als Investor einer Idee Geld gebe, lerne ich als Investor auch viel Neues, bringe das Projekt und damit die Gesellschaft voran.

Der Begriff der Spende hat aber eine lange Tradition. Investments verbindet man eher mit Aktien. Erwischen wir mit dieser Idee des Investments wirklich die Hauptspendenzielgruppe oder eher die jüngere Generation?

Das Spendenalter liegt im Schnitt bei über 60 Jahren. Bei Viva con Agua sind die Unterstützerinnen und Unterstützer 25,5 Jahre jung. Deshalb haben wir auch weniger Spenden als SOS Kinderdorf, dem größten Spendenempfänger Deutschlands. Da ist auch eine viel größere Spenden-Tradition am Start. Aber wir müssen das angehen, und ich weiß, dass mir viele Spendenorganisationen jetzt am liebsten den Strom abdrehen würden. Denn sie wissen, dass so eine Transformation auch einen Spendeneinbruch nach sich zieht. Es gibt Analysen und Studien, von der Welthungerhilfe in Auftrag gegeben, die zeigen, dass ein positiv gestaltetes Plakat, also mit einem gut gekleideten Kind vor einer vollen Schüssel Reis und das dazu lächelt, dass dies die Spenderinnen und Spender nicht animiert zu spenden. Während ein afrikanisches Kind, das hungrig im Dreck sitzt, mit einer leeren Schüssel, und darunter steht „Es reicht“, zu einem Spendenboom und der erfolgreichsten Kampagne der Welthungerhilfe führt. Dieses Mind-Set ist antrainiert. Es suggeriert, dass arme Menschen auf uns angewiesen sind. Beim Thema Investment hat man andere Bilder im Kopf. Aber ich glaube, dass auch Spenderinnen und Spender im Alter von über 60 Jahren erkennen können, dass ein Social Investment das nächste Level der positiven Veränderung weltweit bedeutet.

Wir erleben ja bereits eine Spendenmüdigkeit in den Zielgruppen unterhalb von 50 Jahren. Ist die Transformation von der Spende zum Social Investment sogar Neuspendergewinnung?

Absolut richtig. Die Spende ist nicht nachhaltig. Sie generiert Abhängigkeit, und das wissen die Jüngeren auch, denn sie sind damit aufgewachsen. Das Bild der Reissäcke abwerfenden Hubschauber geht quer durch viele Generationen. Wenn wir den NGOs verklickern: Ihr habt die Wahl, so weiter zu machen und eure Spender zu verlieren oder ihr definiert das neu und modern als Social Business, dann kann sich etwas verändern. Unternehmen stellen sich um auf Nachhaltigkeit. Spenden sind nicht nachhaltig. Die NGOs müssen jetzt nachlegen und sich moderner aufstellen. Es gibt schon viele Beispiele: hydrophil, Goldeimer, die Tomorrow Bank, auch das Viva con Agua Mineralwasser.

Haben die NGOs also nur gedacht, sie sind nachhaltig, aber eigentlich waren sie es gar nicht?

Wir kreieren täglich Abhängigkeiten von spendenempfangenden Menschen. Fundraising hat mir echt Spaß gemacht, aber es läuft in die völlig falsche Richtung. Besonders, wenn noch Ministerien mit Geldern ins Spiel kommen, die den Menschen in den Entwicklungsländern mit ihrem Geld vorschreiben, wie sie das einzusetzen haben. Das heißt, wie eine Toilette in Kenia aussieht, steuert ein Amt in Deutschland. Das ist doch nicht normal! Auch ich habe bei Oxfam solche Anträge ausgefüllt. Da geht es um viel Geld, aber das müssen wir neu denken. Die Spende ist eine aussterbende Spezies, die uns ausbremst, weil sie sterben muss, aber für viele NGOs überlebensnotwendig ist.

Ist es also ein Scheitern, dass wir immer wieder versuchen, in anderen Ländern Standards des Nordens zu setzen?

Das ist eine westliche Überheblichkeit, die das alte System des Kolonialismus aufrecht zu erhalten scheint, im neuen Gewand. Wir versuchen da Länder zu steuern. Das funktioniert nicht. Wenn man sich Länder wie Haiti als Auto vorstellt, dann sitzen die Haitianer dort auf der Rückbank und die Geldgeber steuern das Auto. Dabei sind die Menschen dort die Expertinnen und Experten vor Ort. Sie arbeiten anders, leben anders. Das ist nicht schlecht. Und an alle die jetzt fragen ,Kommt denn meine Spende auch an?’ sei gesagt: Wir sind Mittäter, wenn die Spende nicht gut ankommt. Wir sind kulturell viel zu weit weg, um zu entscheiden, wie die Toilette auszusehen hat. Das ist unser Fehler. Wir brauchen die Kompetenz vor Ort. Es geht um Zusammenarbeit auf Augenhöhe!

Sie stört auch die Betroffenheitskommunikation der meisten Spendenaufrufe. Braucht es keine Tränendrüse für die emotionale Ansprache?

Die Sache ist doch, dass immer der Mangel der Call to Action ist und nicht die Aufforderung, dass durch die Gabe etwas entsteht. Das funktioniert psychologisch nicht. Keiner gibt einem was, wenn es dem scheinbar besser geht. Hier geht es schlicht um Neid. Drama wirkt da viel besser, weil ja das Happy-End kommen muss. Der Schlüssel liegt in der jüngeren Generation, die das jetzt neu lernt und die die Brücken zur älteren Spendengeneration schlagen kann. Wir NGOs müssen um Hilfe bitten. Das ist ein Paradigmenwechsel. Als NGO müssen wir demütig sein und Expertinnen und Experten aus allen Bevölkerungsgruppen einbeziehen, um dann sagen zu können, dass dies gemeinsam entwickelt wurde. Dazu gehören die Spenderinnen und Spender genauso wie die Menschen, denen die Investments dann zu Gute kommen. Es geht nicht um Konkurrenz. Es geht um Bündnisse und Kooperation. Wir müssen anschlussfähiger werden. Der Planet steht schon vor dem Kollaps. Wer jetzt noch glaubt, er darf sein Wissen nicht teilen und in Abgrenzung denkt, der hat schon verloren.

Wir sind also nicht die Alles-Wisser?

Genau. Bei Viva con Agua haben wir gesehen, dass man Risiken eingehen muss. Natürlich kann man auch beim alten Mind-Set bleiben. Aber wie lange geht das noch? Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, aber er trainiert auch und entwickelt sich weiter. Besonders, wenn er Teil einer neuen Investorenkultur wird. Die Menschen lieben nämlich auch neue Geschichten und Teil einer neuen modernen Bewegung zu sein. Ich glaube, wir haben jetzt die Chance wirklich etwas zu ändern. Gemeinsam!

Bildquellen

  • Claudia Gersdorf: Tobias Ritz

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