„Wahnsinn und Naivität gehören dazu“

Titus Molkenbur rettete als Gründungsmitglied von „Jugend rettet“ 14.000 Menschen vor dem Ertrinken im Mittelmeer. Zuletzt war er als Geschäftsleiter von United4Rescue tätig und koordinierte die Kampagne „Wir schicken ein Schiff“. Dort setzte der heute 30-Jährige das Versprechen der evangelischen Kirche um, ein neues Seenotrettungsschiff ins Mittelmeer zu schicken. Wir sprachen mit ihm über Campaigning, Fundraising und politische Veränderung.

NGO-Dialog: Was war für Sie der Auslöser, die Welt besser machen zu wollen?

Titus Molkenbur: Für mich ging das 2015/2016 los, als die Zeit der sogenannten Flüchtlingskrise war. Ich hatte das Gefühl, da passiert eine Katastrophe, und die Politik hat keine Antworten darauf. Damals habe ich mich bei „Jugend rettet“ engagiert, mit dem Ziel, ein Schiff zu kaufen und Menschen zu retten.

Viele haben das damals als völlig überambitioniert empfunden und auch für unmöglich gehalten, ein Schiff zu kaufen und Menschen zu retten. Muss man etwas verrückt sein, um sowas zu machen?

Ambitioniert war es, keine Frage. Und hätten wir gewusst was, auf uns zukommt, hätten wir uns das vielleicht auch nicht getraut. Diese kleine Portion Wahnsinn und das, was dann auch mit uns als Gruppe geschehen ist, um dieses Ziel zu erreichen, war eine ganz, ganz tolle Erfahrung. Ein bisschen Wahnsinn und Naivität gehören wahrscheinlich dazu.

Wie hat Ihr Umfeld auf Ihr Engagement reagiert?

Eigentlich sehr unterstützend, würde ich sagen. Die meisten fanden das schon cool und spannend. Ich glaube, auch viele in meiner Generation fühlten, das sie da was machen müssen. Bei meinen Eltern war sicher etwas Respekt und auch Sorge dabei, aber das hat sie auch nicht abgehalten, mich zu unterstützen.

Sie sind Gründungsmitglied von „Jugend rettet“. Was nehmen Sie Positives aus der Zeit als ehrenamtlicher Seenotretter mit?

Für mich ist es die Erkenntnis der Selbstwirksamkeit. Dass man es schafft, als Gruppe auf einmal aktiv zu werden und Dinge zu ändern, die man vorher für unmöglich gehalten hat. Diese Selbsterkenntnis, und auch die Wahrnehmung der eigenen Macht beziehungsweise der Macht, die man schafft, indem man Dinge tut, das fand ich schon sehr befreiend und beflügelnd.

Es gab aber nicht nur positive Reaktionen. Sie waren nach einem ZDF-Fernsehauftritt auch das Opfer von Hass und Hetze aus dem Netz. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich glaube, ich bin da kein Einzelfall. Ich denke, jeder Mensch, der sich in Deutschland für progressive Themen einsetzt wie Windkraft, Menschenrechte oder anderes, erhält Morddrohungen. Das ist ein eklatantes Problem unserer Gesellschaft. Wir waren damals natürlich besonders im Fokus. Auch in dem der AfD, die das Thema als Steigbügelhalter der neuen Rechten in Deutschland auch nutzte, um sich zu profilieren.
Nun, wie geht man damit um? Ich bin damit nicht so gut umgegangen. Mir ist das schon sehr nahe gegangen und hat bei mir auch Reaktionen ausgelöst, mich zurückzuziehen und auch Abstand zu gewinnen, um auf anderen Wegen weiterzumachen. Was mir geholfen hat, damit umzugehen, war die Gemeinschaft der Gruppe, die sich gegenseitig gestützt hat.

Haben Sie Verständnis dafür, dass sich Andere dieser Polarisierung in der Gesellschaft nicht aussetzen wollen?

Ich glaube, eine gesellschaftliche Veränderung entsteht an vielen verschiedenen Hebeln. Nicht jeder muss da in einer Talkshow sitzen oder auf ein Schiff gehen und sich dem aussetzen, was man dabei sieht. Das muss jeder für sich entscheiden. Wichtiger ist es doch zu wissen, was man im Rahmen seiner Möglichkeiten zu leisten vermag. Die Voraussetzungen sind da doch sehr verschieden. Wenn man Kinder, einen Job oder andere Verpflichtungen hat, ist es vielleicht sinnvoll zu sagen, ich spende an eine Organisation, an die ich glaube und die ich unterstütze.

Trotz dieser Erfahrungen haben Sie in dem Bereich weitergearbeitet. Allerdings in angestellter Position für United4Rescue, der Kampagne der Kirche und vieler anderer Organisationen für ein neues Rettungsschiff. Was war anders als bei „Jugend rettet“?

Ich habe Geld verdient! (lacht!) Nein. Ich habe nach „Jugend rettet“ meinen Masterabschluss gemacht, was übrigens auch eine Möglichkeit war, etwas Abstand zu finden. So konnte ich auch einiges, was damals passierte, besser verstehen. „Jugend rettet“ hatte sich ja bewusst entschlossen, nicht so radikale Positionen zu vertreten. Aber egal, wie kompromissbereit man sich gibt, man wird trotzdem attackiert, wenn man nicht den Rückhalt in der breiten Gesellschaft hat. So war es auch einfach, zu sagen, wir wären als NGO kriminell, was natürlich nie gestimmt hat. Aber das Narrativ hat sich durchgesetzt. Bei United4Rescue war das anders, weil, wenn man einen so starken gesellschaftlichen Akteur wie die Evangelische Kirche hat, und wenn die sagen „Wir schicken ein Schiff!“ und unterstützen die Seenotrettung, das gibt einen ganz anderen Rückhalt und schafft auch einen Zugang zu Gesellschaftsteilen, den man vorher nicht hatte. Das war auch einer der Gründe, warum ich zugesagt habe, die Geschäftsleitung dafür zu übernehmen.

Sie haben letztes Jahr am Campaigning-Kurs der Campaigning-School und der Fundraising-Akademie teilgenommen. Was hat der Kurs Ihnen mit Ihrer praktischen Erfahrung noch gebracht?

Der Grundgedanke war, ich habe zwar Erfahrung mit Crowdfunding-Kampagnen, Social Media und Pressearbeit, aber ich wollte das fundiert untermauern. Auch, um aus der Blase der Seenotrettung rauszukommen und mit Leuten in engerem Kontakt zu stehen, die an anderen Themen arbeiten, wie Klimagerechtigkeit oder Genderthemen.

Wie war Ihr Eindruck vom Kurs?

Die Gruppe habe ich als sehr spannend und schön wahrgenommen. Alle haben sich auf die Anderen eingelassen und geöffnet. Es war auch eine schöne Mischung zwischen Leuten mit mehr Erfahrung und Leuten, die da erst reinwachsen wollten. Auch die Altersmischung stimmte, und alle haben sehr viel eingebracht.

Wie beeinflusst aus Ihrer Sicht Campaigning das Fundraising?

Ich glaube, wenn man Campaigning macht, muss man das mit einer inneren Haltung tun und einem klaren Ziel. Das muss man auch in einer Organisation machen, die da voll dahinter steht. Nur dann kann man authentisch kommunizieren und seine Botschaft nach außen bringen. Wenn man das macht, führt das aus meiner Sicht dazu, dass Leute sagen: ‘He! Ich finde die Leute gut und möchte die unterstützen.’ Die Leute haben ein ganz gutes Gefühl dafür, wer ihnen Quatsch erzählt und wer nicht. Authentisches Campaigning führt am Ende des Tages zu Unterstützung, mit der die Organisation wachsen kann.

Wenn Sie sich die Wahlprogramme der Parteien anschauen, sehen Sie dort, dass der Klimaprotest und das Ringen um einen humanen Umgang mit flüchtigen Menschen in den letzten Jahren angekommen sind?

Die Politik hat es verstanden, die Slogans der Seenotrettung oder der Klimagerechtigkeitsbewegung, zum Beispiel von Fridays for Future, zu übernehmen. Aber sie ist sehr schlecht darin, konkrete Vorschläge zu machen, um die Forderungen auch umzusetzen. Das gerade vorgestellte Programm der CDU/CSU spricht da ja Bände. Das sind 140 Seiten leere Floskeln.

Aber muss der Campaigner nicht irgendwann ins System, um es zu verändern?

Also, ich kenne auch ein paar Kandidatinnen und Kandidaten, die diesen Weg gehen. Ein Freund von mir kandidiert für die Grünen im Bundestag. Ich sehe schon, dass die Bewegungen der letzten Jahre da auch Früchte tragen. Aber da ist noch viel zu tun. Insbesondere muss die Politik lernen, zu handeln. Das Verwalten des Status quo und die Augen zuzumachen, ist nicht zukunftsfähig. Dafür braucht es dann Initiativen von der Straße, welche die Politik auch in Bewegung bringen.

Für Politikerinnen und Politiker ist es aber schwieriger so kompromisslos zu sein. Sie haben auch Einiges zu verlieren.

Es ist utopisch zu erwarten, dass Politikerinnen und Politiker alles direkt umsetzen können, was wir fordern. Das politische System ist träge. Aber sie müssen uns zeigen, dass sie bereit sind, uns zuzuhören und Veränderungen mitzutragen, die auch schmerzhaft sind. Ein Kern von Veränderung ist immer, dass die, die bisher profitiert haben, auch Verluste hinnehmen müssen. Das Risiko müssen Parteien auch bereit sein einzugehen. Wenn mir jemand Veränderung verspricht, ohne mir zu sagen, wie er das anstellen will, ohne dafür etwas in Kauf zu nehmen, kann ich ihm das nicht glauben. Das Wahlprogramm der CDU/CSU zeigt: Man will es Allen recht machen. Aber Steuersenkungen und gleichzeitig Investitionen – das funktioniert einfach nicht so.

Wo sehen Sie Ihre Zukunft?

Ich bin der Seenotrettung weiter sehr verbunden, weil ich der festen Überzeugung bin, dass sich an den europäischen Außengrenzen die Zukunft der EU entscheidet. Wenn wir als europäische Bürgerinnen und Bürger die Barbarei im Mittelmeer zulassen, dann kommt die Barbarei zwangsläufig zu uns oder ist schon da. Das bleibt also mein Herzensprojekt. Aber für mich ist das Interdisziplinäre auch sehr spannend. Also durchaus auch zwischen den Stühlen zu sitzen – als Aktivist und als jemand, der zukünftig auch auf anderen Wegen in die Gesellschaft wirken will.

Bildquellen

  • Titus Molkenbur: Selene Magnolia

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