Was für ein Jahr 2020!

Dieses Jahr wird wohl in die Geschichte eingehen. Europa war zum ersten Mal seit 100 Jahren wieder flächendeckend von einer Pandemie betroffen Vieles lief chaotisch, einiges war erkenntnisreich, anderes überraschend. Dass dieses Internet für Viele noch Neuland ist, hat nun wirklich jeder gemerkt. Ein Jahresrückblick 2020.

Von Matthias Daberstiel

Der Satz des Jahres: „Dein Mikro ist nicht an!“ Wer hätte noch 2019 gedacht, dass 2020 das Jahr der Videokonferenzen und von Homeoffice werden würde? Bisher galt das vielleicht als schick, aber nicht als überlebenswichtig. Doch Corona hat viele Organisationen zuerst in die Isolation gezwungen und dann aktiv werden lassen. Und das in Bereichen, die vorher gern noch mit Sätzen wie „Geht nicht!“ oder „Das haben wir schon immer so gemacht!“ verbunden waren. Plötzlich musste man sich bewegen und siehe: Da ging einiges. Trotz technischer Unvollkommenheiten lernten wir alle ständig dazu. Nahmen Rücksicht auf Fehler, waren nicht genervt, wenn mal etwas nicht sofort funktionierte. Corona sorgte auch für eine neue Gelassenheit. Man konnte ja nichts daran ändern und musste sich anpassen.

In einigen Fundraising-Abteilungen ging es aber auch deutlich höher her. Wie würden die Spenderinnen und Spender reagieren? Wie würde man ausfallende Events und Face-to-Face-Fundraising auf der Straße kompensieren können? Oft lebte man in der Hoffnung, dass wieder Präsenztermine möglich werden, die allzu oft enttäuscht wurden. Planbarkeit war gestern, es sei denn, man verlegte seine Events konsequent in den digitalen Raum. Doch damit ergaben sich neue Probleme: Datenschutz, technische Ausstattung, überschaubare Routine der Nutzer und fehlende Budgets. Für Viele war dieses Jahr kräfteraubend, aber auch inspirierend.


Digitalisierung im Schnelldurchlauf

Bisher wurde wohl noch nie so viel ausprobiert wie im Jahr 2020. Dabei gab es das alles schon lange vorher! Aber offensichtlich weicht niemand gern vom Gewohnten ab, und so würde ich sagen, das Jahr 2020 war das Jahr der „digitalen Pubertät“. Ein sich Lösen vom Gewohnten, hin zum erwachsenen Umgang mit dem Thema Digitalisierung. Ein Ausprobieren, Scheitern, Feilen, neu Justieren und erfolgreich Werden. Mehr in der Art eines Start-ups zu agieren, weniger wie eine NGO. Und das hat Veränderungen gebracht. Natürlich werden Spenderinnen und Spender nicht alle plötzlich online spenden. Das ist klar. Aber viele taten es, und das ist auch ein Verdienst einer konsequenteren Ausrichtung auf digitale Angebote.

Wie konsequent man sein kann, zeigte ausgerechnet der gemeinsame Spendenaufruf der eher als konservativ geltenden kirchlichen Hilfswerke im Oktober. „Adveniat und Brot für die Welt rufen gemeinsam erstmals zu einer Online-Kollekte auf“, hieß es da. Über konfessionelle Grenzen hinweg wurde mit der Seite weihnachtskollekten.de ein gemeinsames Online-Spendenportal geschaffen. Dessen Signal war deutlich. Bleiben die Kirchen leer, darf die Spendenbereitschaft nicht darunter leiden. Damit war die Kirche konsequenter als die Politik, die immer noch das gemeinsame Weihnachten wie ein Mantra vor sich herträgt, um die Einhaltung der AHA-Regeln zu begründen. Ein schönes Beispiel übrigens für Nudging, also die Animierung eines gewünschten Verhaltens durch politische Kommunikation.


Ausblick auf 2021 – Was bleibt?

Viel interessanter ist aber nun der Ausblick auf 2021. Was bleibt von den digitalen Ideen und Strategien? Verschwinden jetzt alle Gadgets wieder in der Versenkung oder haben wir etwas gelernt? Erstes Learning: Auch Digitales kostet Geld, Zeit und Bildung! Ohne Investitionen geht es nicht! Das erste Förderprogramm zur Förderung der digitalen Infrastruktur von Vereinen und Stiftungen durch die Deutsche Stiftung Engagement und Ehrenamt stieß auf große Resonanz. Innerhalb von wenigen Wochen erhielt die Stiftung tausende Anträge. Ein Menetekel für den digitalen Rückstau in der Zivilgesellschaft, die anders als Unternehmen bisher kaum Förderung erhielt. So kann man mit der allgemeinen Digitalisierung nicht Schritt halten.

Eine weitere Frage, die dieses Jahr schmerzhaft beantwortet wurde ist die, was die Zivilgesellschaft der Politik wert ist. Die Antwort: wenig. Die Hilfsprogramme waren zu schmal und kamen zu spät. Viele Vereine waren schon am Abgrund, als die ersten Bundesländer Mitte des Jahres endlich aufwachten. Für die Politik scheint die Zivilgesellschaft ein „nice to have“ zu sein. Die Krise zeigt, wie schlecht die Zivilgesellschaft in der Politik wahrgenommen wird und wie wenig schlagkräftig sie besonders bei den kleinen und mittleren Organisationen aufgestellt ist.

Noch etwas ist gelernt: Spenderinnen und Spender können noch überraschen. Wenn Sie über Facebook eingeladen werden, kommen sie sogar zu digitalen Nachlass-Veranstaltungen. Sie nehmen an digitalen Spenderreisen teil. Selbst große Spenden besprechen sie gern auch per Videokonferenz, und sie spenden per Charity-Stream, auch wenn sie schon etwas älter sind.


Mutig sein und Zuversicht ausstrahlen

Wenn das Jahr 2020 noch etwas gezeigt hat, dann, dass gute Spenderbindung krisenfest macht. Keine neue Erkenntnis. Doch ein Hammer kommt 2021 noch: Viele Organisationen gehen davon aus, dass Unternehmenskooperationen im nächsten Jahr schwieriger werden. Die Unternehmen werden die Budgetschrauben andrehen. Auch Events werden zumindest im ersten Halbjahr noch eingeschränkt bleiben, und alles in den Herbst zu verlegen hat schon 2020 nicht geklappt. Alternativen sind nötig, digital oder über andere Kanäle. Denn ein weiterer Aspekt hat sich in diesem Jahr bewahrheitet: Wer mutig ist und Zuversicht ausstrahlt, wer weiter aktiv bittet und sich nicht versteckt, hat deutlich bessere Ergebnisse, als die, die sich zurückziehen und denken, dass sie Spenderinnen und Spender jetzt nicht behelligen dürften. Gute Arbeit verdient eine Spende, und das bedeutet auch aktives Bitten.

Auch die Fundraising Akademie stellt viele Angebote auf online um und bot viele Online-Seminare an, die, obwohl kostenpflichtig, gut angenommen wurden. Das war eine weitere falsche Annahme: Digital ist gleich kostenfrei. Dabei ist es das keineswegs so. Warum soll ein Webinar kostenfrei sein und ein Präsenz-Seminar mit gleichem Inhalt nicht? Weil man sich selbst sein Sandwich macht und den Kaffee einschenkt? Hinter vielen dieser kostenfreien Angebote stecken entweder Fördermittel oder nur leichte Kost oder Lockangebote. Dann doch lieber gleich gute Inhalte von verlässlichen Anbietern digital konsumieren und dafür einen fairen Preis aufrufen.

2020 wird ein gutes Spendenjahr, das hat die Prognose des deutschen Spendenrates gerade ergeben. Vielleicht nicht für alle, aber die meisten. Deshalb Kopf hoch, die digitale Brille auf und mit guten Ideen in 2021 durchstarten! Die Fundraising Akademie bleibt dafür ein beständiger und kompetenter Partner für Aus- und Weiterbildung – auch im 21. Jahr! Dafür viel Erfolg!

Bildquellen

  • 2020 – Ein Jahresrückblick aus gemeinnütziger Sicht: Kelly Sikkema/unsplash.com
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