Gerne geben! – Auch für jeden?

Warum spenden immer weniger Deutsche und beteiligen sich nicht am Gemeinwohl? Inwieweit hat das Fundraising damit zu tun? Dieser Frage geht André Schlesselmann, Fundraising Manager (FA) und seit zwölf Jahren kirchlicher Fundraiser, in einem Gastbeitrag nach.

Inwieweit sich das soziale Verhalten der Menschen in der deutschen Gesellschaft während der Corona-Pandemie beziehungsweise durch sie verändert, ist insbesondere für den gemeinnützigen Sektor eine relevante Frage. Grund zur Hoffnung geben neben vielen positiven Einzelfällen und Praxiserfahrungen auch mehrere wissenschaftliche Untersuchungen, welche erheblich mehr und zunehmend positives als negatives Verhalten feststellen. Da dieses insbesondere in Form des Spendens nicht neu ist und auch nicht neu festgestellt wurde, ist eine Erkenntnis stiftende Nebenfolge einer solchen extremen Krisensituation die vielzitierte des „Brennglases“.

Jeweils entgegen des im Durchschnitt der letzten 15 Jahre von GfK und Spendenrat im CharityPanel zu konstatierenden schleichenden Rückgangs der Zahl der Spendenden in Deutschland, werden mehr einmalige Spendende im Fall von Katastrophen bewirkt. Daher scheint ihr grelles Licht hindurchzudringen, zum Beispiel durch Filterblasen und Milieu-Grenzen zwischen den Menschen, bis auf gute Gründe wie den Altruismus, den Nutzen stiftenden Tausch beziehungsweise auf eine Gabe-Handlung.


Warum nicht spenden?

Somit kann im Weiteren vermutlich angenommen und betrachtet werden, was wissenschaftlich noch genauer zu untersuchen wäre; inwieweit es gesellschaftliche und individuelle Entwicklungen im Zeitverlauf sind, die aktuell drei von vier Deutschen im Laufe ihres Lebens haben zu Nichtspendenden werden lassen.

Als Beispiel für mögliche erklärende Größen auf der gesellschaftlichen Ebene sei als eine hinreichend bekannte die psychologische Entlastung durch ein sich verlassen können auf sozialstaatliche Sicherungssysteme genannt, welche zum Teil zur gewohnheitsmäßigen Negierung der weitergehenden Verantwortung der Einzelnen führt.

Betrachtet man parallel dazu beispielhaft eine individuelle menschliche Entwicklung, so soll im Zuge der ersten Sozialisation von einem positiven Selbstwertgefühl, getragen durch Selbstwirksamkeit und der Zugehörigkeit zu einer Familie ausgegangen werden. In Bezug auf die Eigenschaft als Spendende werden die intrinsischen Motive angesprochen und Mitmenschlichkeit beziehungsweise Mitgefühl für andere Kinder und Jugendliche in einer Gruppe als eine regelmäßige Erfahrung erlebt. Insoweit die Ausgangslage jedoch nicht so positiv ist oder Gruppen und Organisationen im Verlauf des Lebens unbedingtes Interesse und Beteiligungsmöglichkeiten beziehungsweise gegenseitige Hilfe vermissen lassen, werden Personen mit der Zeit unter Umständen immer weniger ansprechbar und ziehen sich aus Bezügen zum Gemeinwohl zurück.


Falsche Reize durch Fundraising?

Auch das Fundraising stellt sich vielleicht darauf ein und versucht die entstehenden Kommunikationsbarrieren unter Umständen durch extrinsische Anreize zu überwinden und trägt somit unbeabsichtigt ebenfalls zur Gewöhnung an diese Art der Reize bei, ohne die es irgendwann nicht mehr geht.

Anhand dessen wird einerseits deutlich, dass zeitlich langfristige Entwicklungen zu einer Pfadabhängigkeit in Form einer breiten sozialen Praxis der Nichtbeteiligung am Gemeinwohl oder sogar eines prinzipiellen Dagegen-Seins werden und nicht mehr oder zumindest nicht ohne großen Aufwand und nicht kurzfristig reversibel sind. Andererseits sind gesamtgesellschaftliche Prozesse wie Individualisierung oder die Bildung von Kommunikationsblasen nicht, beziehungsweise nicht allein, durch den gemeinnützigen Sektor und schon gar nicht allein durch das Fundraising beeinflussbar.


Kultur des Gebens oder des ROIs?

Dennoch kommt den gemeinnützigen Organisationen schon allein auf Grund der Bedeutung des Sektors eine gewichtige Rolle bei der Pflege der Kultur des Mitgefühls und des Gebens auf der gesellschaftlichen Ebene zu. Leider sind viele Organisationen dabei nicht oder noch nicht so wirksam, wie sie sein könnten. So gestalten sie sich individuell teils noch zu wenig offen und stellen somit zum Teil selten Beteiligungsmöglichkeiten oder Plattformen. Dies verhindert wiederum die rechtzeitige Weiterentwicklung der Organisation im Sinne einer attraktiven Zukunftsvorstellung und damit laut des australischen Historikers Sir Christopher Klark den „Glauben an die Zukunft“. Auch eine Fixierung von Organisationen und Mitarbeitenden des Fundraisings auf Rendite (ROI) und finanzielle Aspekte (z. B. Großspenden und Effizienz) lässt gegebenenfalls die Weiterentwicklung und kommende Generationen ‚erfolgreich‘ außer Acht. Dazu passt übrigens ein Zitat des verstorbenen deutschen Schriftstellers Hans Kasper: „Die Straße des geringsten Widerstandes ist nur im Anfang asphaltiert.“

Insoweit es jedoch Mitarbeitenden zusammen mit Leitungsebenen gelingt einen kontinuierlichen Strukturwandel und die unbequeme Neuausrichtung auf andere Zielgruppen, Förderer und neue Formen zu vollziehen, wird dies voraussichtlich auch eine breitere Beteiligung am Gemeinwohl ermöglichen.

Bildquellen

  • Kultur des Mitgefühls und des Gebens: Neil Thomas/unsplash.com

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