Spenden trotz Corona

Corona – die mit der weltweiten Ausbreitung des Virus COVID-19 einhergehende Verunsicherung hat auch die Non-Profit-Organisationen erreicht. Spenden trotz Corona? Viele erwarten Spendenrückgänge, andere können gerade in der Krise Spendenaktionen starten. Eine Bestandsaufnahme und Tipps für den Vereins- und Stiftungsalltag.

Die Lage ist zweifelsohne ernst, aber es gibt auch eine Reihe Hilfsangebote. So lässt sich die Situation vieler Vereine und Stiftungen gerade zusammenfassen. Besonders das Home-Office ist für viele Organisationen mit hauptamtlichen Kräften ungewohnt und eine Herausforderung. Sozialmarketing.de und das Fundraiser-Magazin haben hier praktische Tipps zusammengefasst, wie man das am besten bewältigt.

Kontinuität gegen Unsicherheit

Die unsichere Lage macht Spendenaufrufe nicht leicht, wie auch Dr. Christoph Müllerleile im Interview in diesem Newsletter feststellt. Gerade deswegen gilt es, nicht noch weiter zur Verunsicherung beizutragen, findet Dr. Matthias Lehmann, Head of Fundraising der Tierschutzorganisation Vier Pfoten: „Zum einen halten wir es für sinnvoll, jetzt nicht mit dem Fundraising und der Spenderkommunikation aufzuhören! Auf keinen Fall wollen wir unsere Spenderinnen und Spender aber jetzt verunsichern. Das heißt, wir kommunizieren keine neuen Themen, sondern setzen auf bewährte und bekannte Inhalte, und wir berichten weniger über politische und Kampagnenthemen, sondern mehr über unsere praktischen Tierschutzmaßnahmen. Wir möchten unseren Spenderinnen und Spendern die Sicherheit vermitteln, dass wir weiterhin für die Tiere da sind und dass die bisherige Arbeit und damit die bisherigen Spenden nicht vergeblich waren und jetzt eben nicht alles zusammenbricht und aufhört. Wir wollen Mut machen und Hoffnung geben.“ So kann für Spenden trotz Corona geworben werden.

Spenden trotz Corona kompensieren Hilflosigkeit

Gerade für Organisationen, die sich mit den sogenannten Risikogruppen, also Seniorinnen und Senioren, Pflegebedürftigen, Opfern häuslicher Gewalt und Wohnungslosen beschäftigen, ist die Krise aber auch eine Chance, an die neue Situation angepasste Spendenaufrufe zu tätigen. So hat die Evangelische Gesellschaft Stuttgart e.V. (eva) gerade einen Spendenaufruf per Anzeige in einer kirchlichen Zeitschrift gestartet, indem sie explizit auf Spendenrückgänge hinweist. Für Kai Dörfner, Leiter Freunde und Förderer der eva und Geschäftsführer eva’s Stiftung, ist das aber auch ein Angebot an die Spenderinnen und Spender: „Aktuell stellen wir fest, dass weniger Spenden als gewohnt eingehen. Der Kopf der Menschen ist im Tagesgeschehen. Spendenwachstum oder -rückgang sind vorstellbar, je nach Organisation.

Dörfner denkt aber auch, das wer vor Ort helfend wahrgenommen wird, vermutlich bessere Karten hat als zum Beispiel Kulturbetriebe. „Spenden können ein Mittel sein, um die eigene Hilflosigkeit in dieser Situation zu kompensieren, einen Beitrag zu leisten“. Wichtig ist ihm dabei, auf unnötigen Alarmismus zu verzichten. Für ihn ist der Schlüssel in der Fördererkommunikation, kompetente Lösungen für die aktuellen Probleme aufzuzeigen.

Aktion Mensch unterstützt mit Förderprogramm

Hart trifft es auch Menschen mit Behinderung und die Tafeln. Ambulante Dienste müssen krankheitsbedingte Ausfälle von persönlichen Assistentinnen und Assistenten kompensieren und die Begleitung von Menschen mit Behinderung trotzdem sicherstellen. Die Tafeln können durch das Kontaktverbot keine Ausgabestellen mehr bedienen und müssen neue Wege der Versorgung der Schwächsten finden. Deshalb hat die Aktion Mensch ein zusätzliches Förderprogramm für diese beiden Zwecke eingerichtet, das Zuschüsse bis maximal 95 Prozent gewährt und 20 Millionen Euro schwer ist.

Hilfen und Förderprogramme

Viele Organisationen insbesondere aus dem Kultur- und Sozialbereich stehen zusätzlich vor existenziellen Herausforderungen. Laufende Einnahmen durch Konzerte oder Theateraufführungen fallen weg oder soziale Dienstleistungen können nicht erbracht werden. Neben den Organisationen sind auch viele Soloselbstständige wie Künstler, Autoren, Musiker oder Therapeuten betroffen. Torsten Schmotz hat deshalb gemeinsam mit dem Deutschen Fundraisingverband eine Übersicht über Fördermöglichkeiten geschaffen. Auch die Regelungen zum Kurzarbeitergeld können relevant sein, wie der Bundesverband deutscher Stiftungen mitteilt. Organisationen sollten bei ihren regionalen Wirtschaftsförderern und Förderbanken auf die Websiten gehen und dort genau prüfen, ob auch sie Hilfen des Staates in Anspruch nehmen können. Auch einige Städte haben Soforthilfen im Programm.

F2F down, Telefonfundraising boomt

Spendenrückgänge werden in vielen Organisationen auch deswegen erwartet, weil viele Organisationen um Spenden und Mitgliedschaften per Face-to-face-Fundraising bitten. Dies ist auf längere Sicht nicht mehr möglich. Auch das persönliche Gespräch mit Großspenderinnen und Großspendern kann aktuell nicht stattfinden. Ganz anders beim Telefonfundraising. Alle Leute zu Hause, ein Traum für die Branche. „Ja, die Erreichbarkeit ist sehr gut. Bis jetzt ist auch die Spendenbereitschaft durchaus gut und die Spenderinnen und Spender sind noch nicht genervt. Mal sehen, ob sich der Genervtheits-Faktor in den nächsten Tagen oder Wochen ändert“, stellt Kerstin Schlick vom Deutschen Spendenhilfsdienst aus Köln fest.

Aber auch für die Telefonanbieter ist es nicht einfach, ihr Angebot aufrechtzuerhalten. Telefoniert wird aus dem Home-Office. Wohl dem, der das schon für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingerichtet hatte: „ Das läuft bei uns sehr gut, da ein paar Kolleginnen schon seit einigen Monaten vom Homeoffice aus telefonieren. Nach drei, vier Tagen Vorbereitungszeit konnten wir nun fast alle Telefon-Fundraiserinnen und -Fundraiser ins  Homeoffice schicken. Die Technik läuft gut, und auch die Supervision mittels Videochat hat sich schon eingespielt“, so Schlick. Sie rechnet auch mit weiteren Anfragen. „Die Nachfrage nach Lead-Telefonie ist größer geworden. Aber auch andere Telefon-Kampagnen werden verstärkt nachgefragt, denn es besteht Unsicherheit darüber, ob die Spenderinnen und Spender derzeit ihre Überweisungsträger zur Bank bringen. Da verstärken einige NGOs lieber das Telefon-Fundraising oder setzen es flankierend zum Mailing ein.“

Internationale Hilfsorganisationen werden aktiv

Besonders drastisch gehen gerade internationale Hilfsorganisationen an die Öffentlichkeit. World Vision spricht von einer Katastrophe, die sich wegen COVID-19 besonders in afrikanischen Ländern anbahnt. Gerade Verschwörungstheorien verfangen dort sehr stark und verunsichern die Bevölkerung. Anne-Marie Connor ist Landesdirektorin von World Vision in der DR Kongo und will die Situation durch bewährte Strategien verbessern: „Schon beim Kampf gegen Ebola ging es darum, gegen Desinformation und Mythenbildung vorzugehen. Religiöse und kommunale Autoritätspersonen genießen ein hohes Vertrauen in der Bevölkerung und haben, fachlich durch World Vision trainiert und begleitet, zuverlässige Informationen vermittelt. Auch bei der Information über Corona, seine Ausbreitung und Auswirkungen, können diese Personen wertvollen Einfluss ausüben.“

ARD und ZDF ohne Spendenaufruf

Wenig überraschend ist, dass es bisher noch keinen Spendenaufruf im öffentlich rechtlichen Rundfunk zu Gunsten der „Aktion Deutschland hilft“, des „Bündnisses Entwicklung Hilft“ oder des „Aktionsbündnis Katastrophenhilfe“ gab. Wie schon bei Ebola wird die Gefahr, das Leben durch Kriege, Dürren, Heuschrecken und andere aktuelle Katastrophen zu verlieren, als höher erachtet und deshalb bisher auf TV-Spendenaufrufe verzichtet. Das „Bündnis Entwicklung Hilft“ hat zumindest einen eigenen Spendenaufruf gestartet. Deren Mitgliedsorganisationen bauen Hygienemaßnahmen in bestehenden Projekten aus. Sie brauchen Spenden trotz Corona. Sie richten Handwasch-Stationen ein, stellen Schutzausrüstungen, Seife und Desinfektionsmittel zur Verfügung und unterstützen die Aufklärungsarbeit zum Virus. „Um der Ausbreitung jetzt entgegenzuwirken, braucht es solche Präventivmaßnahmen, um besonders vulnerable Gruppen – egal wo – vor dem Virus zu schützen. Wir müssen möglichst verhindern, dass Menschen durch das Virus sterben, weil sie arm sind, Hunger haben oder geflüchtet sind. Dafür braucht es jetzt grenzenlose Solidarität“, so Peter Mucke, Geschäftsführer des Bündnisses.

Weiterbildung und Austausch

Die Fundraising-Akademie ist wie alle anderen Veranstalter auch von dem Kontaktverbot betroffen und verschiebt mehrere geplante Seminare und Fortbildungen. Der Deutsche Fundraising Kongress des Deutschen Fundraisingverbandes wurde vom April auf den 19.–21. August verschoben. Am 23. April 2020 findet jetzt die kostenfreie Online-Konferenz „Fundraising in der Krise“ statt. Organisiert von sozialmarketing.de und unterstützt von der Fundraising-Akademie, Haus des Stiftens und Fundraiser-Magazin. Empfehlenswert für den Austausch ist auch die Gruppe „Nachhaltiges Fundraising“ bei Facebook oder LinkedIn. Was auf die Ohren gibt’s im Fundraisingpodcast von Maik Meid und Olav Boumann.

Mitgliederversammlung digital

Aktuell sind viele Dinge möglich, die bisher an den verschiedensten Widerständen scheiterten, Videokonferenzen oder Home-Office zum Beispiel. Auch die Bundesregierung will dem nicht nachstehen und macht jetzt sogar virtuelle Mitgliederversammlungen möglich, ohne dass dies ausdrücklich in der Satzung geregelt sein muss. Auch Abstimmungen im Umlaufverfahren sind nach dem letzte Woche in Kraft getretenen „Gesetz zur Abmilderung der Folgen der COVID-19-Pandemie“ laut § 5 möglich. Das Gesetz gilt zunächst bis 31.12.2021. Sollten jetzt keine Vorstandswahlen stattfinden können, ist es auch zulässig, dass die Vorstände im Amt bleiben können, auch wenn ein Amtszeitbegrenzung in der Satzung vorgesehen ist.

Eine Studie „Spenden trotz Corona“ im nächsten Newsletter.

Bildquellen

  • Nepal Anti Coronavirus activities: Bündnis Entwicklung Hilft/©Welthungerhilfe
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