„Eine Ost-Brille ist von Vorteil“

Susanne Tharun wechselte nach zehn Jahren Verantwortung für Öffentlichkeitsarbeit und Sponsoring im CDU-Landesverband Sachsen 2015 in den gemeinnützigen Sektor. Aktuell arbeitet sie für den Dresdner Verein zur Seenotrettung MISSION LIFELINE und ist dort für das Fundraising zuständig. Matthias Daberstiel sprach mit ihr über ihr Masterstudium an der Fundraising Akademie und der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen und ihre Masterarbeit zum Thema „Auswirkungen des Spendenwesens der DDR auf das Spendenverhalten in Ostdeutschland heute – Eine Frage der Sozialisation?“.

NGO-Dialog: Warum haben Sie sich entschieden, den Master „Fundraising-Management und Philanthropie (M.A.)“ an der Fundraising Akademie zu belegen?

Susanne Tharun: Ich bin ja Quereinsteigerin in der Fundraising-Szene. Ich hatte zwar schon als Jugendliche in vielen Projekten gearbeitet, wollte aber meine Praxiserfahrungen ausbauen. Ich wollte auch von Profis lernen und das Know-how im Bereich Management erwerben. Auch Analyse und Reflexionsinstrumente, die ich so im Vorfeld noch gar nicht kannte.

Wie empfanden Sie die Organisation und die Wissensvermittlung des Lehrgangs?

Wir waren der erste Studiengang, und dafür, muss ich sagen, hat das sehr gut funktioniert. Es gab sicher an der einen oder anderen Stelle noch Anpassungen bei einigen Modulen, aber damit kann man sich arrangieren. Wir hatten sehr gute ReferentInnen und ProfessorInnen. Besonders positiv fand ich, dass der Studiengang gemeinsam mit dem Fundraising-Management-Kurs an der Akademie ablief. Dadurch hatte das Studium, das an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen stattfand, einen sehr praxisorientierten Touch. Es waren wesentlich mehr Kolleginnen und Kollegen dabei, so dass ein ganz toller Austausch möglich war. Das Paket mit den Blockwochen und Präsenztagen war sicher ein sehr schlüssiges Programm. Ich bin damit sehr zufrieden.

Deshalb haben Sie den langen Weg von Dresden aus auch nicht gescheut?

Für mich war das Studium alternativlos. Ich wollte diesen Schwerpunkt, und da gab es hier oder in Leipzig oder Berlin nichts Vergleichbares.

Wie wurden Sie darauf aufmerksam?

Das war eher Zufall. Ich war beim Mitteldeutschen Fundraisingtag in Jena, und dort empfahl mir Heike Sommer am Stand der Fundraising Akademie den Masterstudiengang. Zuhause angekommen hatte ich mich quasi schon entschieden, musste das aber noch mit der Familie klären.

Und was sagte der Familienrat? Job, Familie und Studium unter einen Hut zu bringen war sicher nicht einfach.

Wenn ich vorher gewusst hätte, was es für Auswirkungen hat, hätte ich wahrscheinlich mehr gezögert. Meine beiden Söhne mussten sich schon umstellen. Der Kleinere hat mich schon vermisst. Er war froh, wenn ich wieder in Dresden war. Im Umkehrschluss war ich für die Jungs aber auch ein Vorbild, dass ich mich in diesem Alter nochmal auf die Schulbank setze und am Wochenende und Abenden noch für Klausuren lerne und Arbeiten schreibe. Ich glaube, alle sind sehr froh, dass dieses Kapitel mit Zeugnis und Masterarbeit ein positives Ende genommen hat.

Masterarbeit ist das Stichwort. Womit beschäftigte sich Ihre Untersuchung?

Thema ist der Einfluss der Sozialisation in der DDR auf das Spendenverhalten in den neuen Bundesländern.

Wie kommt man denn auf so ein Thema?

Im Kurs habe ich immer wieder festgestellt, dass das, was ich in meiner beruflichen Praxis in den neuen Bundesländern im Fundraising erlebe, so rein gar nichts mit den Erfahrungen großer bundesdeutscher Organisationen zu tun hat. Natürlich gibt es Defizite was Know-how und Ressourcen anbelangt. Ich wollte aber auch herausfinden, was müssen wir eventuell anders machen um bei unseren regionalen Spenderinnen und Spendern besser anzukommen? Und da spielt die Sozialisation eine große Rolle. Aber es gibt faktisch keine Fachliteratur zum Spendenwesen der DDR. Auch Umfragen zum Spendenverhalten in den östlichen Ländern gibt es praktisch nicht. Das waren alles Gründe, sich mal wissenschaftlich dem Thema zu nähern: Wie kann man den ostdeutschen Spender ansprechen und verstehen? Dafür habe ich qualitative Experteninterviews mit Menschen geführt, die in der DDR, aber auch nach der Wende hier geboren wurden und sie nach ihren Spendenerfahrungen gefragt.

Gab es da für Sie auch einen persönlichen Hintergrund für das Thema?

Ich war 14 Jahre alt, als die Wende kam. So richtig staatskonform war ich nie. Ich wurde schon in der ersten Klasse gehänselt, weil ich keine Pionierbluse (Uniform der Jungpioniere, d. Red.) anhatte. Meine Eltern wollten auch nicht konform sein. Ich hatte aber natürlich auch Erfahrungen mit Massenorganisationen wie der Freien Deutschen Jugend (FDJ) oder der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft und deren Sammlungen von Geldern. Das waren für mich immer Zwangsspenden und keine echte Solidarität. Ich war froh über die Wende, habe mich dann an der Schule sehr aktiv engagiert. Ich bin auch froh, dass wir diese Freiheit heute genießen dürfen und empfinde auch eine Dankbarkeit gegenüber der mutigen Bürgerbewegung in der DDR. Für meine Arbeit war es einfach wichtig, dass man die Zukunft im Fundraising nur verstehen kann, wenn man sich mit der Vergangenheit der Menschen beschäftigt. Ich fühlte mich auch ein wenig dazu berufen, dieses Thema aufzugreifen, denn ich war auch die einzige Studentin aus den östlichen Bundesländern.

Wie müssen denn ostdeutsche Spenderinnen und Spender nun angesprochen werden? Braucht es eine „Ost-Brille“?

Ja, die ist auf jeden Fall von Vorteil. Der ostdeutsche Spender wird gerne dort abgeholt, wo er steht. Ich habe festgestellt, dass im Osten noch ein gehöriger Lerneffekt läuft, was das Spenden anbelangt. Viele verorten heutige Tätigkeiten von Spendenorganisationen immer noch als Sache des Staates und sehen gar keine Notwendigkeit, sich zu engagieren. Dabei sind Ostdeutsche durchaus willens zu spenden, aber dafür muss die Organisation sehr gut passen. Eine ortsansässige, kleiner Organisation, die transparent arbeitet und von deren Wirken man sich vor Ort überzeugen kann, hat gute Chancen. Die großen Organisationen haben es da schwerer.

Diese Menschen brauchen Vertrauenspersonen oder direkten Bezug zur Organisation. Sie haben auch weniger Mittel zur Verfügung und sind deshalb vielleicht auch sensibler, wohin sie ihr Geld geben. Wenn man da als Organisation einfühlsam vorgeht und einen guten Beziehungsaufbau in den Vordergrund stellt, wo sich der Spender mitgenommen fühlt, dann ist das gut und hält dann aber auch viele Jahre an.

Sie planen nun noch eine Online-Umfrage zum Spendenverhalten in den neuen Ländern. Was können Sie uns dazu sagen?

Ich bin gerade im Gespräch mit Organisationen, die gern mehr über ihre ostdeutschen Spenderinnen und Spender erfahren würden und suche auch noch weitere Partner, um das anzugehen und auf eine möglichst breite Datenbasis zu stellen. Geplant ist aus Kostengründen eine Online-Umfrage. Im Rahmen meiner qualitativen Umfrage wurde ja klar, dass ich nur Meinungsbilder in meiner Masterarbeit abfragen konnte, aber keine belastbaren Zahlen. Die Nachfrage nach Zahlen ist aber da.

Was soll erhoben werden?

Wenn es geht, möchte ich in den fünf östlichen Bundesländern Spenderinnen und Spender befragen, aber auch Menschen, die noch nicht spenden. Dazu möchte ich gern Verteiler von Spendenorganisationen nutzen. Neben der Demografie interessieren mich auch Informationen wie Durchschnittsspenden, Spendenzwecke und die Art der bedachten Organisationen. Ich glaube schon, dass es deutliche Unterschiede gibt. Interessant ist natürlich auch, auf welche Spendenkanäle diese Personen reagieren. Eventuell auch ein Bezug zur Situation im Corona-Jahr 2020.

Wie kann man das als Spendenorganisation unterstützen?

Das Einfachste ist, sich bei mir zu melden (spendenumfrage@web.de) und dann den Link über die Organisation zu verbreiten. Je mehr mitmachen, umso besser. Die Ergebnisse würde ich dann auch den Organisationen zur Verfügung stellen. Eventuell kann man auch die Ergebnisse nach den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus der Organisation filtern, wenn diese das freiwillig angeben. Ich würde mich über Unterstützung dieses Anliegens sehr freuen.

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Bildquellen

  • Susanne Tharun: privat
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