Campaigning braucht Persönlichkeit

Campaigning: dieser Begriff und auch die Berufsbezeichung Campaigner taucht seit einiger Zeit vermehrt in den Stellenbörsen auf. Vereine, Stiftungen, Parteien oder Gewerkschaften suchen Menschen, die politische Entscheidungen in ihrem Sinne beeinflussen können. Die Fundraising Akademie hat deshalb mit Experten die „Campaigningschool“ gegründet.

Campaigning – was ist das eigentlich? Schlicht gesagt geht es darum, Entscheidungsträger in Institutionen, Unternehmen oder Medien zu überzeugen nach anderen progressiveren oder gesellschaftlich nützlichen Werten und Zielen zu handeln. Beispiele der letzten Jahre waren zum Beispiel die TWIX-Kampagne von Greenpeace gegen Palmöl bei Nestle oder die Tampon-Petition, die sich für einen niedrigeren Mehrwertsteuersatz für Menstruationsprodukte aussprach. Der ein oder andere könnte jetzt auf den Gedanken kommen, hier geht es um Lobbyarbeit. Dem widerspricht Günter Metzges-Dietz, Mitgründer der neuen Campaigningschool und ehemaliger Gründer und Geschäftsführer von Campact vehement. Für ihn braucht eine Campaignerin oder ein Campaigner auch eine innere Überzeugung. Sonst würden andere Menschen ihr Handeln nicht überdenken. „Das Gefühl, für die eigene Überzeugung zu streiten, das hat eine ganz andere Kraft als klassische Werbe- oder Lobbykampagnen.“

Konflikt gehört zum Campaigning dazu

Für ihn ist es viel wichtiger, ein Handwerkszeug zu haben, mit dem eine Kampagne erfolgreich geführt werden kann. Die meist jungen Menschen müssten gut auf diese Aufgabe vorbereitet sein. „Man braucht die Grundfähigkeit, sich bewusst in Konflikte hineinzugeben und Konflikte liebevoll zu führen. Man wird nur etwas erreichen, wenn wir in einen Konflikt inhaltlich hart hineingehen und gleichzeitig auf der anderen Seite eine persönliche Ausgeglichenheit behalten. Sozusagen aus einer liebevollen Perspektive heraus handeln und nicht aus Wut oder Hassgefühl“. Die private Ebene von politischen Gegnern ist deshalb absolut tabu. Sie sind nur in ihrer Rolle als Entscheider inhaltlich zu konfrontieren.

Wichtig: Demokratieverständnis

Aus der Sicht des Experten ist diese Konfliktbereitschaft auch wichtig für unsere Demokratie. „Eine Gesellschaft vermag aus Konflikten zu lernen, und deshalb ist es so wichtig, dass es verschiedene Meinungen gibt, die miteinander ringen. Die Reibungsenergie, die da entsteht, ist eine Kraft, die eine Gesellschaft nach vorn bringt. Wichtig ist aber auch, dass es souveräne staatliche Institutionen gibt, die dem gegenüber vermitteln können. Ein Bundestag muss also nach einer hart geführten inhaltlichen Auseinandersetzung auch Entscheidungen treffen, die den Konflikt wieder befrieden und eine Perspektive für die Gesellschaft geben. Ohne diese befriedende Funktion demokratischer Institutionen wären Kampagnen und der Konflikt problematisch. Wir würden dann hier nicht mehr über gestaltende Kampagnen, sondern von Widerstand gegen Unterdrückung sprechen. Aber da wir diese Strukturen haben, sind Kampagnen ein wesentlicher Teil erfolgreichen demokratischen Handelns.“

Kampagne braucht Analyse

Für angehende Campaignerinnen und Campaigner ist es deshalb enorm wichtig zu verstehen, wie Menschen vor allem in ihren Rollen und Funktionen entscheiden. Die Kernkompetenz ist herauszufinden, wer eigentlich über das Anliegen entscheidet und warum diese Person bisher nicht in der Weise handelt, wie man es möchte. „Sie brauchen also die Fähigkeit zum Perspektivwechsel, denn nur, wenn sie sich in die Weltsicht dieser Person hineinversetzen können, können sie auch Strategien entwickeln, sie zu ändern. Das kann über Überzeugung funktionieren, aber das ist nur ein Weg“, gibt der Experte zu bedenken. „Viele Entscheidungen werden ja nicht einsam, sondern gemeinsam getroffen. Das heißt, hier geht es auch um Macht. Zu begreifen und zu wissen, wie man da intervenieren kann und möglicherweise gesellschaftliche, diskursive Macht aufzubauen um Entscheidungen zu beeinflussen, das ist die Aufgabe von Campaignerinnen und Campaignern.

Campaigningschool startet im Juni

Um eine systematische Ausbildung für dieses Berufsbild zu entwickeln, haben sich einige Institutionen zusammen getan. Unter dem Dach der Fundraising Akademie startet am 22. Juni 2020 der erste einjährige berufsbegleitende Ausbildungsgang Deutschlands, unterstützt von „Protect the Planet“, Germanwatch und wigwam. Studienleiter ist Professor Jens Watenphul.

https://campaigningschool.de

Bildquellen

  • Frau mit Megaphone: pxhere.com
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