Keine Alarmstimmung am deutschen Spendenmarkt

Jedes Jahr veröffentlicht der Deutsche Spendenrat seine Prognose für das Spendenjahr. Im Gegensatz zu vielen Befürchtungen hat die Spendenbereitschaft im Vergleich zum Rekordjahr nicht nachgelassen. Aber die Zahl der spendenden Menschen ist wieder zurückgegangen.

Die Deutschen haben von Januar bis September 2022 rund 3,8 Milliarden Euro gespendet. Damit wurde das mit Abstand beste Ergebnis aus dem Vorjahr seit Beginn der Erhebung im Jahr 2005 in diesem Jahr erneut erreicht. Das Spendenniveau ist sogar leicht um 0,8 Prozent gestiegen. Grundlage der Untersuchung ist eine repräsentative Stichprobe von 10.000 Panelteilnehmern. Unter anderem werden Spendenvolumen, Spendenhöhe und bevorzugte Tätigkeitsbereiche abgefragt. Erfasst werden private Spenden bis 2.500 Euro. Erbschaften, Unternehmensspenden, Spenden an politische Parteien, Geldauflagen, Stiftungsneugründungen und Großspenden werden nicht betrachtet.

Unter Vorbehalt der weiteren Inflationsentwicklung erwartet der Deutsche Spendenrat auf der Basis der Untersuchung für das laufende Jahr, dass das Rekordniveau vom Vorjahr erreicht wird. Dafür spricht insbesondere, dass 43 Prozent der Menschen planen, in den kommenden 12 Monaten genauso viel Geld zu spenden wie im Moment, 12 Prozent mehr oder sogar deutlich mehr. Ein Drittel der Menschen planen, etwas weniger oder wesentlich weniger zu spenden.

Anzahl der Spendenden geht zurück

Rund 16 Millionen Menschen haben im Zeitraum Januar bis September 2022 Geld an gemeinnützige Organisationen oder Kirchen gespendet. Die Spenderzahl ist damit im Vergleich zum gleichen Betrachtungszeitraum 2021 um 800.000 Menschen gesunken. Der prozentuale Anteil der spendenden Personen an der Bevölkerung sank ebenfalls um 1,2 Prozentpunkte auf insgesamt 24,1 Prozent. „Das erneute Rekordhoch bei den Spendeneinnahmen ist wahnsinnig erfreulich, insbesondere vor dem Hintergrund der hohen Inflationsdynamik. Der Rückgang der Zahl der Spendenden auf das Niveau der Jahre 2019 und 2020 ist jedoch ein Wermutstropfen“, analysiert Dr. Max Mälzer, Geschäftsführer des Deutschen Spendenrats e.V.

Dass trotzdem ein Rekordspendenniveau erreicht wird, liegt wohl auch daran, dass der durchschnittlichen Spendenbetrag pro Spendenakt auf 41 Euro gestiegen ist und ebenfalls den höchsten Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2005 darstellt. Der bisherige Höchstwert betrug im Vorjahreszeitraum 40 Euro pro Spendenakt. Die durchschnittliche Spendenhäufigkeit pro Spender blieb mit einem Wert von 5,8 gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf einem stabilen Niveau.

Ukrainehilfe pusht das Ergebnis

Den Hauptanteil der Spenden am Gesamtspendenvolumen stellt mit 76,7 Prozent (Vorjahr 78,5 %) erneut die humanitäre Hilfe dar, wofür jedoch erneut ausschließlich die Not- und Katastrophenhilfe verantwortlich ist. Sie kann – nach einem doppelt so hohen Spendeneingang im Vorjahr 2021 gegenüber 2020 – wieder einen Zuwachs um 141 Millionen Euro verbuchen. Alle anderen Teile der humanitären Hilfe (etwa Entwicklungshilfe, Bildung oder Kinder- und Jugendhilfe) verlieren hingegen.

Insbesondere die Entwicklung der Hilfe für flüchtende Menschen ist hervorzuheben. Hier ist ein deutlicher Anstieg im Bereich der Geldspenden zu sehen. Das Spendenvolumen stieg gegenüber dem Betrachtungszeitraum 2021 um ganze 359 Prozent (von 207 Mio. Euro auf 949 Mio. Euro). Gründe dafür sind ein Anstieg der Spendenden (plus 254 % von 1,9 Mio. auf 6,7 Mio.) und eine höhere Durchschnittsspende (plus 79 % von 40 Euro auf 71 Euro). Es liegt also die Annahme nahe, dass das steigende Gesamtspendenvolumen in der Not- und Katastrophenhilfe vor allem auf den Spenden für Flüchtende aus der Ukraine beruht.

Diese Annahme stützt der Spendenrat auch darauf, dass der Anteil für die internationale Hilfe wieder auf 50 Prozent gestiegen ist, nachdem im Vorjahr durch die Flutkatastrophe im eigenen Land 66 Prozent auf nationale und regionale Projekte entfielen. „In Anbetracht der mehr als 100 Millionen Geflüchteten weltweit und dem enormen Bedarf an humanitärer Hilfe sind wir für die große Spendenbereitschaft, gerade auch für die Ukraine, dankbar. Wir sehen die Auswirkungen des Ukrainekriegs, wie Nahrungsmittelengpässe, die zu Hungersnöten führen, in anderen Konfliktregionen der Welt und gehen dies mit unseren Projekten vor Ort aktiv an. Wir hoffen nun, dass die Solidarität und Hilfsbereitschaft der Menschen in Deutschland sich auch auf andere Krisen übertragen, die oftmals in Vergessenheit geraten sind. Gerade mit dem bevorstehenden Winter wird in der Ukraine und anderswo jede Hilfe gebraucht“, appellierte Ralph Achenbach, Geschäftsführer des Spendenratsmitglieds International Rescue Committee (IRC) Deutschland gGmbH an die Menschen.

Sport deutlich im Aufwind

Außerhalb der humanitären Hilfe haben die Deutschen beachtlich mehr für den Bereich Sport (plus 41 Mio. Euro) gespendet. Der Spendenrat sieht darin auch eine Erholung nach den Corona-bedingten Lockdown-Phasen. Auch der Tierschutz verzeichnet ein Plus von neun Millionen Euro.

Verluste erleiden dagegen ausgerechnet der durch den Klimawandel so stark medial vertretene Bereich Natur-, Umwelt und Klimaschutz mit einem Minus von neun Millionen Euro. Aber auch die Kultur- und Denkmalpflege kann die Spenderinnen und Spender aus dem Coronajahr 2020 nicht halten und verliert 19 Millionen Euro.

Anteil der ältesten Spendenzielgruppe wird kleiner

Nach wie vor spendet die Generation 70plus am meisten, obwohl ihr Anteil am Gesamtspendenvolumen von 44,5 Prozent auf 41,6 Prozent fiel. Die Anzahl der Spender und Spenderinnen in dieser Altersgruppe fiel um 244 000 Menschen, genauso wie das durchschnittliche Spendenvolumen von 315 Euro auf 311 Euro. Es liegt damit aber trotzdem auf dem höchsten Niveau aller Altersgruppen.

Martin Wulff, zweiter Geschäftsführer des Deutschen Spendenrates e.V., findet das bedenklich: „Die Entwicklung der Zahl der Spendenden in der für das Gesamtspendenaufkommen enorm wichtige Altersgruppe 70plus ist besorgniserregend. Es bleibt zu hoffen, dass dies nicht der Beginn einer sich abzeichnenden demografischen Entwicklung ist und dass die steigenden Spenderzahlen in der jüngeren Altersgruppe von 10 bis 29 Jahren sich verstetigt.“ In der Gruppe erhöhte sich erneut die Anzahl der Spendenden um 202 000 gegenüber dem Vorjahresbetrachtungszeitraum.

Bildquellen

  • Ein Mann steht auf der Straße und sammelt Geld für wohltätige Zwecke: vchalup/AdobeStock

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