Gehaltstransparenz stärkt Fair Pay

Sollen NGOs in Stellenanzeigen offenlegen, wie viel man auf einer Position verdient? Diese Forderung wird mittlerweile immer lauter. Verfolgt wird dabei aber nicht nur Gehaltstransparenz, sondern auch eine faire Bezahlung von Frau und Mann.

Eine Studie der Unternehmensberatung Kienbaum hat 2020 ergeben, dass sich 71 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wünschen, dass ihre Firmen transparenter mit dem Thema Lohn und Gehalt umgehen. Ziel der Unternehmen ist dabei, Fairness und ein gutes Betriebsklima zu schaffen. Interessant ist, dass die Unternehmen angaben, die Veröffentlichung von Gehaltsklassen oder klarer Regeln, wie Gehälter gebildet werden, nicht zu höheren Begehrlichkeiten in Verhandlungen führten, sondern die Verhandlungen für Führungskräfte argumentativ eher erleichterten. 80 Prozent der Befragten gaben an, dass ein hohes Maß an Vergütungstransparenz aus Sicht der Arbeitgeber mehr Klarheit über Entwicklungsperspektiven verschafft und so die Motivation fördert.

Treibender Faktor für viele Unternehmen ist die zunehmende Gehaltstransparenz durch das Internet. Das berufliche Social Network XING gibt schon länger Gehaltspannen bei Stellenanzeigen an, und in der Plattform kununu.com geben Angestellte ihre Gehälter mit Berufsbezeichnung an und sorgen so für Gehaltstransparenz. So erfährt man beispielsweise, dass ein Online-Marketing-Manager beim WWF im Schnitt 56.700 Euro im Jahr verdient, ein PR-Assistent 39.700 Euro.

In NGOs ist Gehaltstransparenz unerforscht

Für NGOs gibt es leider noch wenige aktuelle Untersuchungen zur Vergütungstransparenz. Ein Blick auf internationale Studien zeigt aber die Vorteile transparenter Kommunikation. So stellten Elena Belogolovsky von der Cornell University und Peter Bamberger von der Tel Aviv University fest, dass Menschen unter transparenten Lohnbedingungen besser zusammenarbeiten. Für Forscherin Belogolovsky kann Transparenz an sich aber nur ein Teil der Lösung sein: „Ich glaube, die eigentliche Frage ist, ob das Vergütungssystem gerecht, gut verwaltet und gut kommuniziert ist. Weder eine transparente Vergütungspolitik, in der Mitarbeiter Gehälter vergleichen können, noch das Gehaltsgeheimnis sind eine Lösung für ein unfaires System. In der Praxis ist jedoch zumindest ein gewisses Maß an Gehaltstransparenz erforderlich, um die Mitarbeiter davon zu überzeugen, dass das Vergütungssystem der Organisation gerecht und fair ist“, sagte sie dem Science Focus.

In Großbritannien gibt es seit einiger Zeit den „Show the Salary Pledge“, dem sich bereits 18 Agenturen, 53 Non-Profit-Organisationen und das Institute of Fundraising angeschlossen haben. Sie veröffentlichen ihre Gehälter und werben dafür, es ihnen gleichzutun. Die Schweizer Initiative „Zeig deinen Lohn!“ ermutigt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ihre Löhne öffentlich zu machen.

Gehaltstransparenz auch im Fundraising

Christian Gahrmann macht jetzt Druck auf die gemeinnützigen Arbeitgeber in Deutschland. In seiner beliebten Facebook-Gruppe „Nachhaltiges Fundraising“ werden Stellenanzeigen nur noch gepostet, wenn auch eine Gehaltsangabe enthalten ist. Auf seiner Website www.nur-fair.de wirbt er für das Thema Gehaltstransparenz. „Transparente Gehälter sind gerechte Gehälter. Ich muss sie ja nach außen begründen können. Überhöhte Spitzengehälter haben dann genauso wenig Platz wie diskriminierende Gehaltsunterschiede etwa aufgrund von Alter oder Geschlecht. Deshalb muss beispielsweise in Österreich nach deren Gleichbehandlungsgesetz seit 2011 in Stellenanzeigen grundsätzlich das Gehalt angegeben werden“, so Gahrmann. Gerade unter dem Aspekt der Fairness sieht er die NGOs in der Pflicht: „Gerechtigkeit und Vertrauen sollten für Nonprofits noch mehr zählen als für Unternehmen.“

Untersuchungen in Österreich zeigen allerdings, dass die Veröffentlichung der Gehälter bisher kaum etwas an der Einkommenssituation von Frauen verändert hat. Die Unternehmen beschränken sich eher darauf, den Mindestlohn laut Kollektivvertrag anzugeben. Günther Lutschinger vom Fundraisingverband Austria stellt dazu fest:“ Ich denke schon, dass über die verschiedenen Sektoren eine Transparenz über Mindestgehälter entsteht. Da aber in der Regel überzahlt wird, ist die Orientierung daran schwierig. Wichtig zu betonen ist, dass NPOs mit hunderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht wirklich mit kleinen Vereinen vergleichbar sind. Deshalb sehe ich die Gehaltstransparenz bei mittleren NPOs am ehesten verwirklicht.“

Mehr Freiwillige – weniger Lohn

Dass sich Frauen in Österreich offenbar in Bewerbungsgesprächen häufiger an den ausgeschriebenen Gehältern orientierten als männliche Mitbewerber, berichtet auch der Österreichische Standard. Ganz so einfach ist es also nicht, durch Gehaltstransparenz auch echte Gleichberechtigung herzustellen. Ein erster Schritt für ein gutes Betriebsklima, Fairness und besseres Teamgefühl ist es aber allemal. Das NPO-Institut in Wien stellt im „npoReport Faire Entlohnung in NPOs“ fest, dass es auch andere Gründe gibt, weniger Geld zu zahlen. So zahlen in Österreich NPOs, in denen auch freiwillige Mitarbeiter tätig sind, circa 10 Prozent weniger Lohn als solche, in denen sich keine Freiwilligen engagieren. Der Lohn steigt ebenfalls mit zunehmender Höhe der Subventionen, was ein Hinweis darauf ist, wie auch der Staat durch faire Gemeinkostenanteile Fair Pay bei NGOs fördern könnte.

Gender Pay Gap auch in NGOs

Ein wichtiger Aspekt, der Christian Gahrmann motiviert, das Thema stärker in die Öffentlichkeit zu rücken, ist Gleichberechtigung. „Frauen in Deutschland haben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 21 Prozent weniger Gehalt als Männer. Und bei gleicher Tätigkeit und Qualifikation sind es immer noch sechs Prozent weniger Lohn! Gespräche mit Fundraiserinnen zeigen mir: Das ist auch im NGO-Sektor nicht anders! Dieser Gender Pay Gap würde durch Gehaltstransparenz geschlossen werden. Weil er natürlich nicht zu begründen ist.“

Durch Intransparenz abgeschreckt

Die Angst, auf dem eh schon engen Bewerbermarkt im Fundraising dann schlechtere Argumente für Quereinsteiger aus der besser bezahlenden Wirtschaft zu haben, lässt er nicht gelten: „Nein, die passenden Bewerber werden nicht abgeschreckt. Wer ein gleich hohes Gehalt wie in der freien Wirtschaft erwartet, ist meines Ermessens im NGO-Bereich nicht richtig aufgehoben. Ich muss für ‘die gute Sache’ brennen. Und wenn ich dafür nicht auf eigene Vorteile verzichten will, dann brenne ich nicht. Außerdem: Wer sich bei NGOs bewirbt, wird ohnehin erwarten, dass die Gehälter niedriger sind.“ Stephan Schoby und Carola von Peinen von der Personalagentur talents4good sehen in einem Fachbeitrag die fehlende Transparenz sogar als einen Nachteil, um Quereinsteiger zu akquirieren, „da sich diese aufgrund fehlender Einblicke oft am Umstieg gehindert fühlen“. Fehlende Informationen erschweren also den Einstieg in den NGO-Bereich.

In Deutschland gilt seit 2017 das Entgelttransparenzgesetz. Danach ist jeder Arbeitgeber verpflichtet, Männern und Frauen für vergleichbare Arbeit gleich viel zu zahlen. In Organisationen und Firmen mit mehr als 200 Mitarbeitern können Beschäftigte seither Auskunft darüber verlangen, nach welchen Kriterien ihr Entgelt festgelegt wurde und was Kolleginnen und Kollegen mit vergleichbaren Tätigkeiten verdienen. Mehrere gewerkschaftsnahe Studien zeigen jedoch, dass sich die Arbeitgeber kaum daran halten. Es fehlt an Sanktionen im Gesetz.

Langsame Wirkung 78 Prozent der befragten Unternehmen haben ihre Gehaltsstrukturen mittlerweile zumindest nach Geschlecht überprüft. Untersuchungen nach ethnischer Herkunft und Nationalität führten allerdings bisher nur neun Prozent durch. Das sind die zentralen Ergebnisse der „Fair Pay Studie“, für die die Unternehmensberatung Willis Towers Watson in Kooperation mit dem Fair Pay Innovation Lab 79 Unternehmen in Deutschland mit insgesamt zwei Millionen Beschäftigten befragt hat. Der Weg zu Verbesserungen ist aber noch lang. Trotzdem ist Henrike von Platen, CEO und Gründerin des Fair Pay Innovation Lab optimistisch. „Immerhin ist Fair Pay inzwischen in gut der Hälfte der befragten Unternehmen Thema. Das ist eine erfreuliche Entwicklung. Nachholbedarf gibt es bei der konkreten Umsetzung. Wenn den Worten nun auch Taten folgen, sind wir auf einem sehr guten Weg.“ Vorreiter im NGO-Bereich ist Greenpeace. Die Umweltorganisation hat ihre Gehälter in Vergütungsgruppen und Kompetenzstufen aufgeteilt und öffentlich gemacht. So geht faire und transparente Bezahlung.

Bildquellen

  • Portmonai in der Tasche: pxhere.com

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