INTERVIEW

„Fundraising ist existenziell für viele Stiftungen“

Birgit Radow
Birgit Radow

Der Stiftungstag des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen findet am 17. und 18. Juni 2020 in Leipzig statt. Das Motto dieses Mal: „Zusammenhalten! Stiftungen gestalten Zukunft“. Wir sprachen mit der stellvertretenden Generalsekretärin Birgit Radow über niedrige Zinsen, gesellschaftliche Aufgaben und Matching Funds.


NGO-Dialog: Zusammenhalten! Warum haben Sie dieses Motto für den Stiftungstag gewählt?

Birgit Radow: Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird auch in Deutschland brüchiger. Dies zeigen nicht nur die rassistisch motivierten Anschläge von Hanau oder Halle. Auch unser alltägliches Miteinander ist zunehmend geprägt von Unversöhnlichkeit und dem fehlenden Willen, respektvoll miteinander ins Gespräch zu kommen. Die soziale Spaltung vertieft sich. Das stellt auch Stiftungen vor neue Herausforderungen. Über Erfahrungen, Ideen und neue Ansätze wollen wir beim Stiftungstag diskutieren.


NGO-Dialog:
Müssen sich Stiftungen noch stärker gesellschaftlich engagieren?

Birgit Radow: Viele Stiftungen leisten bereits durch ihre Arbeit und ihre finanzielle Förderung von Projekten einen wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft. Was anderes als gesellschaftliches Engagement ist die Förderung von Integration, das Engagement für bessere Bildungschancen oder für gleiche Rechte von Mädchen und Frauen? Viele Stiftungen merken jedoch auch die veränderten Rahmenbedingungen und dass sie deshalb ihre Arbeit, ihre Programme und ihre Vorgehensweise überprüfen und sich vielleicht auch anders positionieren müssen. Und eine neue Erfahrung ist auch für zahlreiche Stiftungen, dass Haltung und Engagement Gegenwind erzeugen.


NGO-Dialog: Die Niedrigzinsphase hält an. Einige Stiftungen scheinen damit gut zurecht zu kommen, andere beklagen das. Wie ist das bei Ihren Mitgliedern?

Birgit Radow: Natürlich trifft die Niedrigzinsphase auch die Stiftungen mit voller Wucht. Denn Stiftungen dürfen ihre Arbeit nur aus Vermögenserträgen oder durch zusätzliche Spenden finanzieren. Anlagerichtlinien, Überprüfung der bisherigen Anlagepolitik und andere Formen der Vermögensanlage beziehungsweise des Investierens gehören zu den am meisten diskutierten Themen im Stiftungsbereich. Dabei geht es natürlich auch um Themen wie Nachhaltigkeit, soziale Kriterien bei der Vermögensanlage, Social Impact Investing oder den Umgang mit Finanzdienstleistern. Großen Stiftungen fällt es leichter, Zinsrückgänge auszugleichen. Sie haben oft auch bessere Konditionen bei Vermögensanlagen. Aber für alle Stiftungen ist das ein zentrales Thema und in dieser Zeit eine enorme Herausforderung.


NGO-Dialog: Spricht man mit Stiftungen über Fundraising, bemerkt man immer noch ein Unbehagen. Vielen scheint es sogar peinlich, um Geld zu bitten. Ist das aber nicht auch ein gesellschaftlicher Auftrag?

Birgit Radow: Etwa die Hälfte aller Stiftungen betreibt bereits Fundraising, weitere etwa 10 bis 20 Prozent denken darüber nach. Das hat eine Umfrage des Bundesverbandes ergeben. Wenn Sie bedenken, dass etwa zwei Drittel der Stiftungen in Deutschland nur bis zu einer Million Euro Stiftungsvermögen besitzen, ist Fundraising existenziell für die Arbeitsfähigkeit vieler Stiftungen. Fundraising soll oft auch zurückgehende Vermögenserträge ausgleichen. Aber im Stiftungsbereich ist es wie in vielen anderen Bereichen auch: Um Geld für die Finanzierung von Projekten zu bitten, fällt vielen noch nicht leicht. Und oft müssen erst die Rahmenbedingungen für wirkungsvolles Fundraising geschaffen werden. Deshalb sind Workshops und Veranstaltungen zum Thema Fundraising bei Stiftungsveranstaltungen oft gut besucht.


NGO-Dialog: Andere Stiftungen, wie die Bethe-Stiftung oder die Drosos-Stiftung animieren ihre geförderten Projekte mit Matching-Funds zum Fundraising, indem sie Spenden in einem bestimmten Zeitraum verdoppeln oder verdreifachen. Dieses Modell scheint sich aber, anders als in den USA oder Großbritannien, nicht durchsetzen zu wollen. Wo liegen die Hürden?

Birgit Radow: Auch im Stiftungsbereich wird über neue Fundraising-Methoden nachgedacht und auch ausprobiert. Ich denke, dass dies ein Thema für das gesamte Fundraising in Deutschland ist, völlig unabhängig von der Organisationsform. Welche Fundraising-Methode sich für welche Stiftung eignet, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab und bedarf daher individueller und konkreter Überlegungen. Wir beschäftigen uns auf unseren Tagungen intensiv mit den unterschiedlichen Erfahrungen und sorgen für einen regen Austausch.


NGO-Dialog: Der Stiftungstag findet in Leipzig statt. Wie zufrieden ist der Bundesverband mit der Entwicklung des Stiftungssektors insbesondere auch in den neuen Bundesländern?

Birgit Radow: Es ist keine Überraschung, dass die Stiftungsdichte in den neuen Bundesländern bei weitem noch nicht so hoch ist wie in vielen alten Bundesländern. Gleichzeitig beobachten wir in einigen Regionen eine große Bereitschaft, sich gesellschaftlich und philanthropisch zu engagieren, was sich auch in der wachsenden Anzahl an Stiftungsneugründungen im Osten niederschlägt. Deshalb wird es dazu während des Stiftungstages auch mehrere Veranstaltungen geben, und Stiftungen aus den neuen Bundesländern stellen ihre Erfahrungen zur Diskussion. Auch die Leipziger Stiftungen nutzen den Stiftungstag, um für die Idee des Stiftens in der Stadt zu werben.


NGO-Dialog: Worauf freuen Sie sich besonders beim Stiftungstag 2020?

Birgit Radow: Auf die Menschen, die kommen, die Gespräche und die vielen guten Ideen und Eindrücke, mit denen ich nach Hause fahren werde.

 

Birgit Radow ist seit Oktober 2014 stellvertretende Generalsekretärin des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Sie wurde 1955 in Hamburg geboren. Nach der Ausbildung zur Versicherungskauffrau und mehreren beruflichen Stationen war sie von 1989 bis 1990 Geschäftsführerin einer Fraueninitiative in Bremen. Danach arbeitete sie fast neun Jahre bei Greenpeace Deutschland, seit 1995 als Geschäftsführerin. Ab 1999 leitete sie zunächst als Vorstandssprecherin und dann als Vorstandsvorsitzende die gesetzliche Krankenkasse SECURVITA BKK. Von 2007 bis September 2014 war sie Geschäftsführerin der Deutschen Wildtier Stiftung.

(Bild: David Ausserhofer/Bundesverband Deutscher Stiftungen)

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